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Demonstration der DSAP in Eger am 1. Mai 1938 – mit der Republikanischen Wehr unter der tschechoslowakischen Fahne.
1. Mai 1938 in Eger: Gegen Kriegsgefahr und Faschismus - für Arbeit und Brot, Frieden, Freiheit Sozialismus
Nicht nur die Erinnerung an den Kampf um das Volkshaus Eger Ende September 1938 führte die Seliger-Gemeinde am vergangenen Samstag nach Eger - auch die gewaltige 1. Mai-Demonstration 1938 sollte nie vergessen werden!
Die Egerer Sozialdemokraten haben - informiert von ihren politischen Freunden aus Deutschland - das wahre Gesicht des "Dritten Reiches" erkannt. Sie gerieten immer mehr in Bedrängnis durch fanatische Anhänger der Sudetendeutschen Partei (SdP). Dennoch wagte die Deutsche Sozialdemokratische Arbeiterpartei (DSAP) den Widerstand: Sie rief zu einer Maikundgebung "gegen Kriegsgefahr und Faschismus - für Arbeit und Brot, Frieden, Freiheit Sozialismus" auf. Am 1. Mai 1938 beteiligten sich - unter der tschechoslowakischen Fahne - erstaunlich viele Bürgerinnen und Bürger am Demonstrationsumzug durch die Stadt, und sie bekundeten damit ihre Loyalität gegenüber dem von der Mehrheit ihrer Mitbürger abgelehnten Staat.
Es gehörte großer Mut dazu, sich an dieser politischen Kundgebung zu beteiligen - und die Reaktion der Gegner blieb nicht aus: Als Hitler am 12. September 1938 (beim "Reichsparteitag" in Nürnberg) unter offener Androhung von Krieg den "Anschluss" des Sudetenlandes forderte, versuchten etwa 300 bis 400 Henlein-Anhänger, das Volkshaus, den Sitz der DSAP, zu stürmen. Alle Fensterscheiben wurden eingeworfen und der Schaukasten zerstört. Die "Republikanische Wehr" konnte Schlimmeres verhindern. Erst nach einer Stunde kam die Gendarmerie zur Hilfe. Von da an wurden die Sozialdemokraten noch mehr verfolgt.
Dennoch wagten sie noch Mitte September einen letzten Aufruf an alle Mitbürger: "... Sudetendeutsche! Ihr steht nunmehr vor der Wahl: Gleichberechtigung durch Frieden oder Untergang durch Krieg ... Vereinigung aller Kräfte für Frieden und Freiheit, für eine bessere Zukunft des Sudetenlandes, für ein neues Europa gleichberechtigter Völker ..." war auf den Plakaten zu lesen. Als am 3. Oktober 1938 die Wehrmacht einmarschierte und der "Führer" auf dem Egerer Marktplatz erschien, flohen viele Gegner des braunen Regimes nach Prag, um ihr Leben zu retten. In der Hauptstadt aber begriff man nicht, dass es sich bei diesen Flüchtlingen um loyale und tapfere Mitbürger handelte. Weil sie Deutsche waren, wurden alle wieder in den Zug gesetzt und zurückgeschickt. "Wir waren auf deutscher wie auf tschechischer Seite unter die Räder gekommen!" Als sie daheim ankamen, wartete man schon auf sie: "Jetzt kommt das Gesindel! - Schlagt sie tot." Gleich auf dem Egerer Bahnhof wurden viele von ihnen abgeführt - zum Transport in ein Konzentrationslager. Nach Darstellung der nationalsozialistischen Propaganda gab es nur begeisterte Zustimmung dafür, dass das Sudetenland "Heim ins Reich" geholt wurde. Die Gegner des braunen Regimes aber wurden mit fanatischem Hass verfolgt - und "totgeschwiegen".
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wollte niemand an diese mutige Demonstration erinnert werden: weder in Deutschland noch in der Tschechoslowakei. Zu groß war das Entsetzen über die Vertreibung aus der Heimat hier und die Tatsache, dass nicht alle Deutschen Anhänger Hitlers waren, dort.