Sudetendeutscher Tag 2024

Veröffentlicht am 26.05.2024 in Allgemein

Fußball: Deutsche vs. Tschechen

Eine Podiumsdiskussion zur Fußball EM 2024

„Eine Stunde Fußball“ stand auf dem Programm des Sudetendeutschen Tages 2024. Die Seliger-Gemeinde lud am Sonntag, gleich nach den Festreden, zu einer Podiumsdiskussion ein, die der Fußball EM 2024 gewidmet war. Nach dem Thema „Arbeiterfußball“ beim Frühjahrsseminar war dies nun der 2. Akt unseres Dreiklangs zur EM. Teil 3 folgt am 27. Mai um 19 Uhr mit einem seliger-online zum Thema.

„Am 14. Juni wird Deutschland nach 36 Jahren wieder Gastgeber der Fußballeuropameisterschaft sein. Im Vordergrund werden natürlich Spiele und Ergebnisse stehen. Das Gastgeberland Deutschland legt aber einen starken Akzent darauf, dass diese Europameisterschaft mit einem klaren Bekenntnis zu Freiheit und Antirassismus zu einem Gegenentwurf der letzten beiden Fußball-Weltmeisterschaften in Russland und Katar wird“, so Bundesvorsitzende Christa Naaß in ihrer Begrüßung.  Aber wie lässt sich das umsetzen? Und was sagt die Geschichte des deutsch-tschechischen und natürlich auch sudetendeutschen Fußballs in diesem Zusammenhang? Diese sportlichen und zugleich politischen Fragen diskutierten Dr. Filip Bláha, Historiker und Publizist aus Prag und Markus Rinderspacher, Vizepräsident des Bayerischen Landtags und bekennender TSV 1860-Fan. Die Moderation übernahm Bundesvorsitzende Helena Päßler, die sich eingangs gleich als begeisterte Eintracht Frankfurt-Anhängerin outete. Also eine spannende Diskussionsrunde auf die sich eine ganze Reihe Besucher freute.

“Eintracht Frankfurt, mein Verein”, so startete Bundesvorsitzende Helena Päßler in das Thema, “in dem jeder Fan seine Vorlieben hat und Stunden lang diskutieren kann”. Für sie ist und war der 18. Mai 2022 das schönste (Fußball)Erlebnis, als Frankfurt in Sevilla den Europacup gewann. Doch Frankfurt sei eine Diva, so Päßler weiter, die zwischen Weltniveau und “Furchtbar” hin und her wechsele, ganz normal, wie auch die Fans des FC Bayern heuer erleben mussten. Doch das Wichtigste: “Fußball verbindet. Fußball ist gut, wenn es ohne Gewalt, ohne Probleme vonstatten geht. Echte Fußball-Fans sollten Freunde sein, egal wer gewinnt.”

Dr. Filip Bláha, der zum ersten Mal beim Sudetendeutschen Tag war, zeigte sich von dem Fest begeistert und lobte eingangs die neue Ausgabe der Schriftenreihe der Seliger-Gemeinde zum Arbeiterfußball in den Böhmischen Ländern. Hierzu habe er auch viel geforscht und könne bestätigen, dass Fußball auch für die Arbeiter in Böhmen eine 2. Religion war. Wie heute stiftete Fußball Identität – mit dem Ort, der Stadt, dem Land. Es war ein Allerwelts-Thema wie das Wetter oder heute der Urlaub. Es stiftete Freude und Trauer. “In den Glauben wirst du geboren, sterben must du als Anhänger deines Vereins”, zitierte Bláha eine alte Fußball-Weisheit.

Revolution Fußball

Die Fußballbewegung glich einer Revolution, so Bláha weiter. Erstmals rannten um 1900 erwachsene Männer in kurzen Hosen einem Ball hinterher. Die ersten Vereine in Tschechien waren Slavia und Sparta in Prag, doch diese waren allgemeine Sportvereine. Der erste reine Fußballklub war der 1896 gegründete 1. Deutsche Fußballclub in Prag (DFC), über den Thomas Oellermann schon so viel berichtete. Und es war Frankfurt, so Bláha von wo aus der englische Fußball nach Böhmen kam. Die Vorkriegszeit war geprägt von Spielen mit ausländischen Vereinen, der Dominanz Prags und seiner unmittelbaren Umgebung sowie der Verbreitung des Fußballs in den größeren Städten der Böhmischen Länder. In Prag gab es wegen der gesellschaftlichen Unterschiede vor dem 1. Weltkrieg kein tschechisch-deutsches Derby, und aufgrund der politischen Abneigung auch keines bis 1938/39. Dann regulierten die Nazis den Sport.

Zwischenkriegszeit

Nach dem Ersten Weltkrieg, so um die Mitte der 1920er Jahre, hatte sich der Fußball stabilisiert und wieder an Fahrt gewonnen. Im Jahr 1922 wurde der Tschechoslowakische Fußballverband gegründet, der die Fußballverbände der verschiedenen Nationen in der Tschechoslowakei vertrat. Der Fußball wuchs, wurde kommerzialisiert und professionalisiert. Das Profitum war in der Tschechoslowakei seit 1925 erlaubt. Anfang der 1930er-Jahren entstand eine nationale Profiliga. Neben den Prager Eliteklubs Sparta und Slavia gehörten die Wiener Vereine Rapid, Austria und Admira, die Budapester Vereine Ferencváros und Újpestí zur europäischen Elite. Der vom österreichischen Verbandskapitän Hugo Meisl 1927 initiierte Mitropacup (Vorlage des Europapokals)  wurde vor allem durch die österreichischen, ungarischen, tschechoslowakischen und italienischen Teams dominiert, die alle Finals für sich entscheiden konnten. Auch die tschechoslowakische Nationalmannschaft war erfolgreich und gewann bei der Weltmeisterschaft 1934 in Italien die Silbermedaille. Dies nutzte der italienische Diktator und Fußball-Freund Benito Mussolini für seine Zwecke. Gleiches versuchte Adolf Hitler bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin, doch Deutschland schied vorzeitig aus.

Fußballliga im KZ Theresienstadt

Dr. Filip Bláha verwies in seinem Vortrag auf die absurde Ghettoliga Theresienstadt. Hier gab es zwischen 1943 und 1944 eine erste und zweite Liga sowie Pokalwettbewerbe. Bláha erinnerte an die damaligen Spitzenfußballer wie Egon Reach, Ignaz „Nati“ Fischer, den tschechische Nationalspieler Paul Mahrer oder den Torwart Jiří Taussig-Tesář, die in Theresienstadt einsaßen.

Der tschechische Fußball nahm nach dem 2. Weltkrieg erneut eine historische Wende, so Bláha. Der Fußball wurde im Kommunismus nach sowjetischem Vorbild umorganisiert und die Mannschaften entweder Industriebetrieben, der Armee oder anderen politischen Organisationen unterstellt. Erst Ende der 1950er Jahren konnte sich der tschechoslowakische Fußball wieder erholen und wurde 1962 Vizeweltmeister in Chile. “Die Leute liebten den Fußball. Er war eine apolitische Alternative und wurde von den Machthabern als Aushängeschild geduldet”, so Bláha.

Die Zukunft des tschechischen Fußballs

Nach der Wende und dem Fall des Eisernen Vorhangs wurde der Fußball in den 1990ern der Marktwirtschaft geopfert. Korruption, Betrug und politische Einflußnahme beherrschten laut Filip Bláha den Sport. Erst die Umstellung auf das “Schwarz-System” hätte, so Bláha, eine Lösung gebracht. Seit dem seien die Spieler nicht mehr Angestellte des Vereins sondern eigenständige Unternehmer. Außerdem hätten große Vereine wie Sparta oder Liberec neue Besitzer bekommen und erstmals habe eine junge Frau in Liberec Verantwortung übernommen. Auch die Finanzierung der Liga wurde durch den guten Verkauf der Medienrechte gesichert. Seitdem, so Bláha, kämen auch wieder mehr Leute in die Stadien und es gelte abzuwarten wohin sich der tschechische Fußball entwickele.

Geld schießt Tore

Im weiteren Verlauf der Diskussion sprach Bundesvorsitzende Helena Päßler die tragischen Spiele der jügsten Vergangenheit an, in denen Despoten den Fußball für ihre Zwecke nutzten und verwies auf das Aufkaufen von prominenten Spielern durch arabische Geldgeber. Natürlich fand auch der 3. Platz des FC Bayern und die unleidliche Trainersuche Eingang in die Diskussion.

Der Glaube an ein Sommermärchen

Markus Rinderspacher, Vizepräsident des Bayerischen Landtags und bekennender TSV 1860-Fan gestand, dass sein Fußballherz natürlich auch für seinen Geburtsorts-Verein, den 1. FC Kaiserslautern schlage. Rinderspacher lobte die Seliger-Gemeinde, die wiederum ihrer Zeit voraus sei und mit dem Thema Fußball voll ins Schwarze getroffen habe. Die Europameisterschaft in Deutschland sei als eines der größten Sportereignisse bereits ausverkauft und die Karten seien nicht nur in Deutschland sondern in ganz Europa verkauft worden, was ihn als Stiftungsrat der Sozialstiftung des Bayerischer Fußballverbands besonders freue. Markus Rinderspacher versprach auch ein gutes deutsches Ergebnis, den die deutschen Manschaften seien – mit Verweis auf Bayern, Leverkusen und den BVB - so gut wie lange nicht in Europa aufgestellt. Es gäbe soviele Zuschauer wie nie zuvor, auch in den 2. und 3. Ligen. Man sei zwar nicht Favorit, aber es dürfe an ein Sommermärchen geglaubt werden und diesen “Schwung unter den Flügeln” für Gesellschaft und Wirtschaft sei uns allen zu wünschen.

Thema Frauenfußball

Schließlich wurde von Helena Päßler noch des Thema Frauenfußball in den deutsch-tschechischen Kontext gestellt. Während in Frankfurt stattliche 5000 Zuschauer zum Frauenfußball kämen, seien es bei den Frauen von Sparta gefühlte 5 ½, so Päßler.  Dabei habe, so Filip Bláha, der Frauenfußball in Tschechien seit 1960 eine lange Tradition aufzuweisen. Seit 1966 gäbe es bereits einen Pokalwettbewerb der Frauenmannschaften, der von der Zeitschrift “Junge Welt” ausgelobt werde. Gegründet wurden die Frauschaften in Arbeiterkollektiven und Schulen. Heute müsse mehr allgemeine Förderung und Professionalität insbesondere in der Vermarktung eingegracht werden, so Bláha und zitierte die deutsche Spielerin Lena Oberndorf mit den Worten: “Es gibt nur einen Fußball”.

Markus Rinderspacher sieht den deutschen Frauenfußball trotz des Rückschlages bei der letzten WM an der Weltspitze. Die Erfolge sprächen für sich, so Rinderspacher: 4x EM-, 2x WM- und 1x Olympiasieger. Mit 5000 Vereinen und Frauschaften sei der deutsche Frauenfußball breit aufgestellt und leider wurde die WM 2027 nicht nach Europa (Deutschland und Belgien) sondern nach Brasilien vergeben.

Endspiel Deutschland vs. Tschechien?

Abschließend war natürlich die Frage nach dem EM-Endspiel fällig. Eine Neuauflage des Endspiels von 1976, das Deutschland durch Elfmeter gewann, konnten sich beide Gäste vorstellen. Dr. Filiß Bláha setzt dabei auf den neuen Trainer der tschechischen Nationalmannschaft, der, zurück aus der arabischen Welt, als Pragmatiker die Mannschaft gut vorbereiten werde. Aber auch viele Spieler, die in Deutschland oder England spielten, brächten ihre Erfahrung mit ein.

Markus Rinderspacher sieht auch für Deutschland ein großes Turnier. Zwar sei die Begeiterung noch nicht da. Aber eine gute Vorrunde würde den Traum vom neuen Sommermärchen aufleben lassen und dann die Mannschaft ins Finale tragen. Auf jeden Fall werde sich Deutschland als guter Gastgeber präsentieren. Vor allem in Bayern seien die Schotten, Ungarn und Serben herzlich willkommen – die Tschechen sicher auch in Hamburg. Nachhaltigkeit, Inklusion und Völkerverständigung stünden an erster Stelle. Es wurde viel Geld investiert um neue Rollstuhlplätze in den Stadien, neue Abfallkonzepte, kostenloser ÖPNV, Antirassismuskonzepte zu etablieren. Natürlich trübe die hohe Terrorgefahr das Bild, aber er sei zuversichtlich. “Ich freue mich darauf”, so Markus Rinderspacher.

Europaeade

Als weiterer Gast stellte anschließend Ilyas Zivana die Europeade, die Fußball-Europameisterschaft der nationalen Minderheiten in Europa vor.

 
 

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