Dr. Filip Bláha stellte den Film „Das höhere Prinzip“ („Vyšší princip“) vor
„Das höhere Prinzip“ („Vyšší princip“)
Filmabend mit schwerer Kost – Filip Bláha präsentierte preisgekrönten Film aus dem Jahr 1960
Der Seminar-Samstag schloss am Abend mit einem Film. Dr. Filip Bláha präsentierte den Teilnehmern „Das höhere Prinzip“ („Vyšší princip“), einen tschechoslowakischen Spielfilm aus dem Jahr 1960 von Jiří Křejčík mit Jana Brejchová, Marie Vasova, Hannjo Hasse, Gustav Hilmar, Rudolf Hrusínský st., Jirí Kodet und Petr Kostka. Die Handlung schildert den Terror des deutschen Besatzungsregimes in der Tschechoslowakei während der Zeit des Nationalsozialismus. Der antifaschistische Film wurde in den Filmstudios Barrandov gedreht. Er war in den tschechoslowakischen Kinos ein Hit, die DEFA zeigte ihn 1962 im DDR-Fernsehen. Trotz vieler internationaler Preise unterlag der Film in der Bundesrepublik der Filmzensur des „Interministeriellen Ausschusses“ und durfte bis 1965 wegen „Deutschfeindlichkeit“ nicht gezeigt werden. Er rücke „das Zusammenleben von Deutschen und Tschechen in ungünstiges Licht und gefährde damit die Aussöhnung der Völker und das Ansehen der Bundesrepublik“, wie es in der Begründung hieß. Ein klarer Bruch des neuen Grundgesetzes, das eine Zensur verbot. Erst 1968 zeigte die ARD diesen Film im westdeutschen Fernsehen.
Die Handlung: In einer tschechischen Kleinstadt wird nach dem Tyrannenmord an Heydrich Ende Mai 1942 eine Racheaktion nach planmäßig gestaffelter Wirksamkeit gegen die Zivilbevölkerung eingeleitet – wie in der gesamten Tschechoslowakei. Drei Schüler karikieren das Pressefoto Heydrichs im Spaß, nach dem sich die gesamte Abiturklasse, wie es damals überall Sitte war, an einer öffentlichen Darstellung ihres Abiturscherzes beteiligt hatte. Sie werden von einem Mitschüler denunziert. Während der schriftlichen Arbeit im Fache Latein holt die Gestapo die drei aus dem Klassenzimmer. Wie üblich, weiß niemand, was über sie beschlossen wird. Ein dem Gestapo-Chef bekannter Anwalt – der Vater einer der Schülerinnen - kneift, der alte Lateinlehrer selbst setzt sich für seine drei jungen Leute ein, er erhält die mündliche Bestätigung, es sei alles geregelt, aber die Hinrichtung findet wenige Minuten später statt. Wie stets nach solchen Gräueln bestätigt die bellende Lautsprecherstimme dieses Urteil. Das Kollegium des Gymnasiums soll zu einer Solidaritätskundgebung mit dem NS-Regime veranlasst werden; da man sich weigert, ist jeder Klassenlehrer verpflichtet, seine Schüler „angemessen“ über die Wohltaten ihrer Henker zu unterrichten. Der besagte Lateinlehrer gibt stattdessen seinen ihm verbliebenen Abiturienten den Hintergrund dieser Maßnahme bekannt und beruft sich dann, mit Seneca, auf das Recht des moralischen Widerspruchs als das höhere Prinzip, das nicht bindet, sondern zu Handlungen befreit, Unrecht und Gewaltherrschaft nicht dulden zu müssen. Und die Klasse vergilt ihm diesen Aufruf, indem sie ihm zu Ehren nicht Platz nimmt, sondern ihn schweigend durch Stehenbleiben ehrt.
Hintergrund/Diskussion: Im Jahr 1946, unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, publizierte der 31-jährige tschechische Schriftsteller Jan Drda seinen aus elf Texten bestehenden Novellenband „Die stumme Barrikade“, wie Filip Blaha im Anschluss der Vorführung darstellte. Drda nannte das Werk ein „Skizzenbuch“, die episodische Vorarbeit für einen größeren Roman über die Zeit der Okkupation. Die schlanke, jeweils auf ein besonderes Ereignis gerichtete Prosa wurde schon bald fürs Kino entdeckt: Den Titel des Buchs nutzend, adaptierte Otákar Vávra 1948 eine Erzählung über Prager Bürger, die mutig eine Moldaubrücke gegen deutsche Panzer verteidigten. War dieser frühe Nachkriegsfilm noch ganz dem Kanon seiner Zeit verpflichtet und feierte ungebrochen das Heldentum tapferer Tschechen angesichts faschistischer Tyrannei, suchte Jiri Krejcík (geb. 1918) für „Das höhere Prinzip“, ebenfalls auf der Basis einer Novelle von Drda, nach einer differenzierteren Perspektive.
Filip Bláha erklärte den Zuhörern, dass entgegen viele anderer Antikriegsfilme, vor allem aus amerikanischer Produktion, hier der Gestapo-Chef nicht als „Monster“ dargestellt wird. Dieser zitiert in Altgriechisch aus der Ilias und empfiehlt seinem kleinen Sohn, den Goldfisch nicht zu quälen, sondern wieder in sein Bassin zurückzusetzen. Als er aber die Entscheidung treffen muss, drei jungen hoffnungsvollen Schülern das Leben zu retten, was er auch dem alten Lehrer versprochen hatte, der sich persönlich bei ihm für die Jungen eingesetzt hatte, ruft er seine Henker nicht zurück. Er stellt sich auf die Seite der Barbarei, die ihn „groß“ gemacht und ihn mit Macht ausgestattet hat, und der scheinbar niemand charakterlich gewachsen war. Mit dieser Sicht auf die Zeit der Besatzung hob sich Krejcíks Arbeit von den stereotypen Schwarz-weiß-Zeichnungen in den tschechischen Widerstands- und Partisanenfilmen der 1950er-Jahre ab
Im Kino des Prager Frühlings kam es zu weiteren sehenswerten Filmen wie Jan Kádars und Elmar Klos’ „Der Laden auf dem Korso“ (1965) oder Juraj Herz’ „Der Leichenverbrenner“ (1969). Insofern konnte „Das höhere Prinzip“ auch als Gleichnis auf die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg interpretiert werden, als die Prinzipien der Humanität noch einmal, diesmal von der neuen Besatzungsmacht und ihren willfährigen einheimischen Helfershelfern, mit Stiefeln getreten wurde.
„Wenn es nicht ums Leben geht, geht es nur um Scheiße“
Abschließend stellte Bláha die Frage, wie es mit der moralischen Integrität der handelnden Personen aussah – und wie wir heute handeln würden, ggf. unter Lebensgefahr. In seiner unverwechselbaren Art, formulierte er es so: „Wenn es nicht ums Leben geht, geht es nur um Scheiße“.
Die überwiegende Mehrzahl der Bewohner schwieg angesichts des Unrechts, unterwarf sich den Regeln der Okkupanten und flüchtete ins Privatleben. Verhaltensmuster, die in den aktuellen Krisen wohl bekannt sind.
Besonders die bürgerliche Mittelschicht bekam einen Spiegel vors Gesicht gehalten: Opportunistische Geschäftsleute wie der fast bankrotte Schuhladenbesitzer umschmeichelten den SS-Ortskommandanten; der Rechtsanwalt erklärte seiner um ihren Schulfreund ringenden Tochter, er wolle sich „nicht exponieren“ und verbrannte, als ein Polizeiauto vor seiner Villa hält, in vorauseilendem Gehorsam Literatur und Fotos (Masaryk) aus der Zeit vor der Besetzung. Das Lehrerkollegium ließ angesichts des Terrors angstvoll die Köpfe hängen, raffte sich aber, außer dem alten Philologieprofessor, nicht zum verbalen Bekenntnis für die Schüler auf; immerhin folgte niemand der Aufforderung eines stramm NS-freundlichen Kollegen, eine Ergebenheitsadresse an die Deutschen zu unterzeichnen. Er bleibt die Frage: Wie sieht es heute mit der Moralischen Instanz der gesellschaftlichen Eliten aus?
Und die Guten? Die junge Jana Brejchová spielt eine der Abiturient*innen, die kaum begreifen konnten, wie schnell sich die Mordmaschinerie ihrer bemächtigte. Überstrahlt wurde der Film von der Figur des Philologieprofessors, verkörpert von Frantisek Smolík, der seine moralische Lauterkeit in einem von Angst, Verzweiflung und unterdrücktem Zorn geprägten Alltag zu bewahren suchte: ein eindringlicher Auftritt, ein Fanal für menschliche Würde in einer Ära der Finsternis – doch ohne Hinweis auf die Folgen!
Resümee: Ein eindrucksvoller Film, der sprachlos und betroffen machte und noch lange zum Nachdenken anregte.
Der Film ist auf YOUTUBE und als DVD im online-Handel enthält.