
100 Jahre Friedrich-Ebert-Stiftung
oder: über die gute historische Zusammenarbeit zwischen der FES und der Seliger-Gemeinde
Man kann nur gratulieren: die Friedrich-Ebert-Stiftung feiert in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag. Gegründet wurde sie im Vermächtnis von Friedrich Ebert, dem ersten demokratisch gewählten Präsidenten Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg. Seit ihrer Gründung fühlt sie sich der Sozialen Demokratie verpflichtet. Sie setzt sich in Deutschland und in der Welt für demokratische und soziale Lösungen gesellschaftspolitischer Probleme ein.
Die Seliger-Gemeinde ist ein Weggefährte der Friedrich-Ebert-Stiftung. In den letzten Jahrzehnten gab es zahlreiche gemeinsame Projekte, in Deutschland und in Tschechien. Das Seliger-Archiv, einer der zentralen Orte zur Geschichte der sudetendeutschen Sozialdemokratie, ist seit 1989 unter dem Dach des Archivs der Sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung (AdsD) in Bonn zu finden. Was ist das Seliger-Archiv eigentlich? Welche Bestände finden sich hier? Wie wird es erschlossen und wie wird es genutzt?
Diese Fragen diskutierten die Teilnehmer der 2. seliger-online-Veranstaltung 2025 unter denen aus Österreich Dr. Ingrid Michalek und SG-Vorsitzender Volkmar Harwanegg waren, mit Alexander Braune vom Referat Sammlungsprofil und Überlieferungsbildung im Archiv der Sozialen Demokratie. Das Gespräch wird moderierte Christa Naaß, Ko-Bundesvorsitzende der Seliger-Gemeinde.
Alexander Braune stellt eingangs sich selbst und das Archiv der sozialen Demokratie (AdsD) der Friedrich-Ebert-Stiftung vor. Das AdsD ist die zentrale Aufbewahrungsstätte für Quellen aller Art zur Geschichte der deutschen und internationalen Arbeiter*innenbewegung und versteht sich als das ungedruckte Gedächtnis von Sozialdemokratie und Gewerkschaften, einzelnen Persönlichkeiten sowie verschiedenen Organisationen und Bewegungen aus dem Umfeld (AWO, Naturfreunde, u.a. Seliger-Gemeinde).
Das AdsD steht dabei in der Tradition des ehemaligen, u.a. von August Bebel angeregten Parteiarchivs der SPD, dessen Wurzeln bis in das 19. Jahrhundert und die Anfänge der deutschen Sozialdemokratie zurückreichen und dessen Bestände ab 1933 entweder durch die Nationalsozialisten zerschlagen und vernichtet oder später aufgrund existentieller Not an andere Archive abgegeben werden mussten. Verschollene und später wiedergefundene Restbestände des Parteivorstands der SPD im Exil und die seit dem Wiederaufbau der Demokratie angefallenen Parteiakten bildeten neben ersten Nachlässen den Grundstock des 1969 als erstes Archiv einer Politischen Stiftung eröffneten AdsD, das sich zudem den Überlieferungen von Gewerkschaften und sozialen Bewegungen zuwandte. So wuchs das Sammlungsprofil des AdsD mit inzwischen etwa 57.000 lfm (=57km!) Archivgut, dazu 300.000 Fotos und 45.000 Plakate, weit über das alte Parteiarchiv hinaus.
Mit ihrem speziellen Bestandsprofil leistet die Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung mit rund 1 Mio Publikationen im nationalen und internationalen Kontext einen wichtigen Beitrag zur Versorgung mit Primär- und wissenschaftlicher Sekundärliteratur. Ihren umfangreichen historischen Bestand, der nahezu vollständig die Geschichte der deutschen Sozialdemokratie abbildet, ergänzt die FES-Bibliothek um Neuerscheinungen zur Geschichte und Gegenwart der deutschen und internationalen, insbesondere der europäischen Arbeiterbewegung. Als historisch-wissenschaftliche Spezialbibliothek erwirbt sie zudem neue Literatur zur deutschen und internationalen Sozial- und Zeitgeschichte.
Mit der inzwischen weitgehend digitaliserten historischen Presse der deutschen Sozialdemokratie (u.a. dem Prager Sozialdemokrat) und weiteren sozialdemokratischen Zeitungen und Zeitrschriften bietet die FES-Bibliothek einen riesigen Schatz authentischer Informationen, die leicht und gezielt abgerufen werden können.
In dieser Hinsicht bietet das AdsD und die Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung Expertise zu archivischen Fragen sowie zur Public History. Archiv und Bibliothek stehen grundsätzlich und im Rahmen der Benutzungsordnung allen Interessierten für ihre Forschungen offen.
Das Seliger-Archiv
Die Namen Richard Lorenz, Franz Kunert, Artur Schober, Irma und Roman Wirkner und vor allem Ernst Paul und Adolf Hasenöhrl sind aufs Engste mit der Geschichte des Seliger-Archivs verbunden.
Im Jahre 1989 entschloss sich die 1951 gegründete Seliger-Gemeinde, ihr historisches Archiv - das Seliger-Archiv in Stuttgart - der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn zur weiteren Betreuung zu übergeben. Diesem 1952 gegründetem Archiv ist auch eine historische Bibliothek angegliedert, die eine umfangreiche Sammlung von Primär- und Sekundärquellen zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung in den böhmischen Ländern enthält.
Die Seliger-Gemeinde steht als Gesinnungsgemeinschaft sudetendeutscher Sozialdemokraten in der Tradition der Deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republik (DSAP) und ihrer Vorgängerorganisationen in Böhmen, Mähren und Österreich-Schlesien sowie der vor dem Weg ins Exil gegründeten "Treuegemeinschaft sudetendeutscher Sozialdemokraten" in Skandinavien, Großbritannien und Kanada. Das Seliger-Archiv hat zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung in Böhmen, Mähren und Schlesien und dabei im Bereich gedruckter Quellen die Veröffentlichungen der DSAP, ihrer Vorläuferorganisationen in der Habsburger Monarchie sowie der Gewerkschafts- und Genossenschaftsbewegung in erheblichem Umfange Material zusammengetragen.
Bibliothek des Seliger-Archivs
Der in der Bibliothek des Seliger-Archivs vorhandene Bestand an gedruckten Veröffentlichungen aus der Zeit bis zum Ende des II. Weltkrieges beläuft sich auf etwa 3.700 monographische und etwa 700 periodische Veröffentlichungen.
Darüber hinaus umfasst die Bibliothek des Seliger-Archivs noch einen Bestand von etwa 5.000 Bänden aus der Zeit nach dem Ende des II. Weltkrieges.
Ziele des Seliger-Archivs
Ziele des Seliger-Archivs sind seit 1952 die Dokumentation der Geschichte der sudetendeutschen Arbeiterbewegung für die Nachkommen sichern und für die Auswertung durch die Wissenschaft zu Verfügung zu stellen. Weiter ist das Archiv als Ausdruck der tiefen Verbundenheit zur Arbeiterbewegung und Sozialdemokratie sowie zur alten Heimat zu verstehen.
In diesem Sinne wurden Archivalien (etwa 180m Schriftgut und umfangreiches Sammlungsgut wie Fahnen, Fotos, Mitgliedsbücher, Liederbücher, Plakate usw.) ab 1850 aber mit Schwerpunkt ab 1945 sowie umfangreiches Bibliotheksgut aus den verschiedensten Quellen archiviert. So entstand ein Konglomerat unterschiedlichster Provenienzen wie kleinsten persönlichen Unterlagen, Splitter-, Teil- und eigenständigen Nachlässen, Niederschriften, Erinnerungen, historisch bedeutsamen Fotografien usw.
Neben den Nachlässe von Wenzel Jaksch, Ernst Paul, Richard Reitzner, Unterlagen zur (Aussiedler-) „Aktion Ullmann“ (Antifa-Transporte), aber auch Organisationsakten nicht nur aus dem deutschen Bereich der Seliger-Gemeinde, sondern auch emigrierter sudetendeutscher Sozialdemokraten aus England, Kanada und dem skandinavischen RaumSind Akten sudetendeutscher Flüchtlingshilfeorganisationen nach 1945 zusammengetragen.
Alexander Braune berichtete, dass inzwischen die umfangreiche Fotosammlung digitalisiert ist und derzeit die Digitalisierung der Filmsammlung läuft. Als Beispiel stellte er den Film „Gegen den Strom“der Seliger-Gemeinde aus dem Jahr 1957 mit den eingearbeitet Originalaufnahmen vom Reichsarbeitertag 1929 in Karlsbad mit dem Festzug vor.
Braune zog abschließend das Fazit, dass das Seliger-Archiv im AdsD eine bedeutende Quelle zur Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung im Sudetenland ist. Es leistet einen Beitrag zur individuellen und kollektiven Erinnerung der sudetendeutschen Sozialdemokratie und ihrer Nachfahren. Durch die öffentliche Zugänglichkeit leistet das Archiv einen wichtigen Beitrag zur lokalen Demokratie- und Arbeitergeschichte.
Diskussion
In der anschließenden Diskussion wieß Thomas Oellermann auf die Bedeutung des Seliger-Archivs auch für die Familienforschung der Nachkommen der sudetendeutschen Sozialdemokratinnen und Demokraten hin. Helena Päßler, die mit Siegfried Träger das Archiv besuchte, bestätigte, wie leicht die gut, katalogisierten Materialen zu finden waren.
Ingrid Sauer vom Bayerischen Hauptstaatsarchiv verwies auf die Bestände in Bayern und regte eine enge Zusammenarbeit der beiden Archive an, da es hier und dort Teilnachlässe zu verschiedenen Personen (z.B. von Wenzel Jaksch) gäbe.
Weiter war in der Diskussion zu erfahren, dass der Bestand noch nicht abgeschlossen sei, da die Seliger-Gemeinde noch aktiv ist und immer wieder neue Zugänge eingingen.
Ein großes Thema in der Diskussion war die Digitalisierungsinitiative, wobei Ingrid Sauer und Alexander Braune nestätigten, dass die volle online-Nutzung der Archive wohl immer Zukunftsmusik bleiben würde. Es werde bis auf weiteres keine Digitalisierung des Schriftguts geben, da mit den vorhandenen Mitteln nur gefährdetes Material (Zeitungen, Fotos, Filme usw) gesichert werden müsse. Digitalisierung sei teuer, binde Personal und Ressourcen, so die Aussage der beiden Archivare. Weiter sei die Nutzung digitaler Archive oft teuer (z.T. würden 50 Cent pro Seite verlangt ohne zu wissen, ob das Material auch das sei wonach man suche) und ein Blick in die digitalen Findbücher oft verwirrend. „Sollte hier nichts zu finden sein, heißt das noch lange nicht, dass es nichts gibt“ so Alexander Braune zum Schluss der Veranstaltung: Möglich das persönliche Dokumente gesperrt seien und deshalb nicht auftauchten. Die persönliche Beratung durch die Archivare helfe da oft weiter.
In der anschließenden Abendschule mit Dr. Thomas Oellermann, der das Thema um „weitere Archive, in denen sich Materialien zur Geschichte der sudetendeutschen Sozialdemokratie finden lassen“ ergänzte, erführen die Teilnehmer weitere Fundstellen und Rechercheansätze.
Diese seliger-online-Veranstaltung wird als Video auf unserem YOUTUBE-Kanal zur Verfügung gestellt. Auch die anschließende Abendschule mit Thomas Oellermann zum Thema „weitere Archive, in den sich Materialien zur Geschichte der sudetendeutschen Sozialdemokratie finden“ kann jederzeit als Podcast nachgehört werden.
Die seliger-online-Veranstaltungen finden mit großzügiger Unterstützung des Bundesministeriums des Innern und für Heimat aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages statt.