seliger-online 21.4.2026

Veröffentlicht am 23.04.2026 in Allgemein

.

Naturschutz muss politisch sein

 

Unter diesem Titel lud die Seliger-Gemeinde zu einer weiteren Online-Veranstaltung ein. Im Mittelpunkt standen die großen Herausforderungen der Gegenwart und die Frage, wie in deutsch-tschechischer Perspektive gemeinsam mit zivilgesellschaftlichen Organisationen die Demokratie gestärkt werden kann – auch in Politikfeldern wie Umweltschutz und Klimapolitik. Diskutiert wurde, wie Klimapolitik wieder zu einem Thema werden kann, bei dem nicht ständig Ängste mitschwingen, die von Populisten ausgenutzt werden.

 

Über diese Fragen diskutierten die Teilnehmenden mit Lukas Nicolaisen, dem Leiter der Fachstelle für Radikalisierungsprävention und Engagement im Naturschutz (FARN) der Naturfreundejugend. Er war als Hauptreferent eingeladen, um aus seiner praktischen Arbeit zu berichten und die politischen Dimensionen von Naturschutz und Klimaschutz zu beleuchten. Das Gespräch wurde moderiert von Christa Naaß, Ko-Bundesvorsitzende der Seliger-Gemeinde. Sie führte durch den Abend und band die Fragen und Beiträge der Teilnehmenden ein.

 

Bundesvorsitzende Christa Naaß konnte 24 Teilnehmerinnen und Teilnehmer – unter ihnen Tillmann Schwenke, stellvertretender Bundesvorsitzender der Naturfreunde und Mitglied der Seliger-Gemeinde – zur zweiten Seliger-online-Veranstaltung im Jahr 2026 begrüßen. Sie erinnerte eingangs an die Tradition der sudetendeutschen Sozialdemokratie und deren konsequenten Kampf gegen rechts – gegen Nationalismus, Faschismus und Antisemitismus. Als programmatische Grundlage zitierte Naaß aus den Alexandersbader Thesen der Seliger-Gemeinde, in denen dieses Selbstverständnis festgehalten ist. Anschließend begrüßte sie den Referenten Lukas Nicolaisen und fügte einige biografische Worte ein, bevor dieser in das eigentliche Thema einsteigen sollte.

 

Nicolaisen wurde 1978 in Lüneburg geboren und lebt seit 1999 in Berlin/Brandenburg. Zunächst studierte er Soziologie und Erziehungswissenschaften an der Freien Universität Berlin, später Agrarwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin, wobei der Schwerpunkt seiner Abschlussarbeit im Fachbereich Agrarsoziologie gelegen hat. Nach dem Studium arbeitete er zwei Jahre lang auf einer ökologischen Höfegemeinschaft in der Lausitz als Ziegenhirt. Über verschiedene berufliche Stationen ist er 2010 bei der Naturfreundejugend Deutschlands gelandet und hat dort als Bildungsreferent verschiedene Projekte betreut – zuletzt vor allem in den Bereichen politische Bildungsarbeit und Gedenkstättenfahrten. Seit 2018 leitet er die Fachstelle Radikalisierungsprävention und Engagement im Naturschutz (FARN).

 

Nach diesen persönlichen Anmerkungen stellte Nicolaisen die Naturfreunde und die Naturfreundejugend als voneinander unabhängige, aber eng verbundene Organisationen vor. Die Naturfreundejugend sei ein eigenständiger Jugendverband, der eigene Projekte und Bildungsangebote entwickelt und zugleich an die historische Tradition der Naturfreunde anknüpft.

 

Die Naturfreunde seien heute organisatorisch unabhängig, erinnerten aber in ihrer Geschichte an eine frühere Rolle als Vorfeldorganisation der Sozialdemokratie. Besonders stark seien sie in Böhmen vertreten und eng mit der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (DSAP) verbunden gewesen – ein wichtiger Bezugspunkt auch für die Seliger-Gemeinde.

 

Charakteristisch für die Naturfreunde sei von Beginn an die Verbindung von „grünen“ und „roten“ Themen gewesen: Ökologische Fragen seien stets mit sozialen Anliegen zusammengedacht worden. Diese Verschränkung von Umwelt- und Gerechtigkeitsfragen präge die Arbeit bis heute.

Nicolaisen versuchte zudem den Unterschied in der Naturerfahrung der Arbeiterbewegung gegenüber dem bürgerlichen Milieu herauszuarbeiten. Während bürgerliche Kreise Natur vielfach als exklusiven Erholungsraum verstanden hätten, sei es in der Arbeiterbewegung darum gegangen, Zugänge zu schaffen und gemeinsame Naturerlebnisse als Teil gesellschaftlicher Emanzipation zu begreifen.

 

Vor diesem Hintergrund sei es folgerichtig, dass die Fachstelle Radikalisierungsprävention und Engagement im Naturschutz (FARN) gerade bei den Naturfreunden angesiedelt worden sei. Die Verbindung von sozialen und ökologischen Themen sowie die politische Tradition des Verbandes bildeten hierfür einen geeigneten Rahmen.

 

2016 ein klarer Auftrag des Bundesfamilienministeriums – heute werden Mittel für das Programm „Demokratie leben“ zusammengestrichen

 

Im nächsten Schritt schilderte Nicolaisen den Anlass der Gründung der Fachstelle im Jahr 2017 sowie deren Ziele und Angebote. 2016 habe es einen klaren Auftrag des Bundesfamilienministeriums gegeben. Anders als heute, wo Mittel für das Programm „Demokratie leben“ zusammengestrichen würden, sei damals eine bundesweite Befassung mit dem Phänomen Naturschutz und Rechtsextremismus ausdrücklich gewünscht gewesen. Die Naturfreunde hätten sich mit einem Konzept beworben und den Zuschlag erhalten – gerade weil bei ihnen ökologische und soziale Themen eng miteinander verbunden seien.

 

Im Vorfeld habe es bereits eine Diskussion zwischen den Naturfreunden und dem Bundesamt für Naturschutz darüber gegeben, wie man mit historischen Größen des Naturschutzes im Nationalsozialismus umgehen solle. Während das Bundesamt eher für eine strikte Trennung von Naturschutzgeschichte und NS-Belastungen plädiert habe, hätten die Naturfreunde auf der Notwendigkeit bestanden, historische Verknüpfungen klar zu benennen.

 

Heute jedoch stünden die Mittel aus dem Bundesprogramm „Demokratie leben“ erneut auf der Kippe. Die zuständige Ministerin wolle das Programm beenden, obwohl die Evaluation erst begonnen habe. Davon wären auch viele andere wichtige und seit Jahrzehnten erfolgreiche Strukturen betroffen. Nicolaisen bezeichnete dies als Skandal, da hier bewusst Organisationen wegfallen sollten, die eher linker und grüner Politik nahe stehen – unabhängig von Bedarf und Erfolg. Dahinter stehe ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber Nichtregierungsorganisationen und ein drohender Vertrauensbruch zwischen Zivilgesellschaft und Politik. Tillmann Schwenke ergänzte, dass derzeit eine öffentliche Kampagne mit dem Duktus „unnötige Gelder für Demokratie leben“ laufe. In Sachsen sähen etwa 50 Prozent der Öffentlichkeit dies kritisch, was die politische Brisanz verdeutliche.

 

Bildungs- und Beratungsangebote sowie Qualifizierungsformate

 

Zu den erklärten Zielen der Fachstelle gehöre die Aufarbeitung historischer und aktueller Verknüpfungen von Naturschutz und Nationalsozialismus sowie das Sichtbarmachen rechter und antidemokratischer Strukturen im Umweltbereich. Zugleich wolle FARN zeigen, wie ein menschenrechtsbejahender, demokratischer Natur- und Umweltschutz konkret aussehen könne. Nicolaisen betonte, dass es nicht bei der Kritik an rechten Tendenzen bleiben dürfe, sondern positive Leitbilder und Praxisbeispiele notwendig seien. Dazu entwickle die Fachstelle Bildungs- und Beratungsangebote sowie Qualifizierungsformate für Verbände, Initiativen und Engagierte. Diese Angebote richteten sich an Akteure im Naturschutz, die für demokratiefeindliche Entwicklungen sensibilisiert werden sollen.

 

Ein Ziel der Arbeit sei es, rechte Unterwanderung von Naturschutzstrukturen zu erkennen und benennen zu können. FARN wolle hier Handlungssicherheit vermitteln und dazu beitragen, frühzeitig problematische Entwicklungen zu identifizieren. Ebenso gehe es um den Umgang mit Instrumentalisierungen von Natur- und Umweltthemen durch rechte und rechtspopulistische Akteure. Nicolaisen machte deutlich, dass Naturschutz immer wieder politisch aufgeladen werde und daher eine klare Positionierung notwendig sei.

 

Klare Kante gegen rechts

 

Die Fachstelle habe nach der letzten Bundestagswahl und dem Erstarken der AfD eine klare Kante gegen rechts eingefordert. Dies sei in der Öffentlichkeit und innerhalb der Naturschutzszene nicht unumstritten gewesen, aber aus Sicht von FARN unverzichtbar. Im Anschluss wandte sich der Referent den aktuellen Gefahren zu, die er für einen demokratischen Naturschutz und eine progressive Klimapolitik sieht. Nicolaisen beschrieb die AfD als klimaschutzregressive Partei, die mit bewusst negativ besetzten Begriffen wie „Klimalüge“, „Klimawahn“, „Klimahysterie“ oder „Klimaterrorismus“ arbeite. Mit diesem Wording werde versucht, Klimaschutz zu delegitimieren und Akteurinnen und Akteure zu diffamieren.

 

Zivilem Ungehorsam ist kein Klimaterrorismus

 

Zugleich gehe es darum, den menschengemachten Klimawandel grundsätzlich zu leugnen oder zumindest dessen Dramatik in Frage zu stellen. Diese Form des Leugnens und Relativierens sei ein zentrales Element der AfD-Positionierung. Problematisch sei, dass Teile des bürgerlichen Lagers rechte Narrative übernähmen, um Klimaaktivistinnen und -aktivisten zu diskreditieren. Diese Begriffe fänden zunehmend Eingang in den öffentlichen Diskurs der Mitte und veränderten so das Klima der Debatte. Als Folge nannte er Verhaftungen, Hausdurchsuchungen und die Überprüfung einzelner Initiativen auf einen möglichen terroristischen Hintergrund. Hier stelle sich die Frage nach der Verhältnismäßigkeit staatlicher Reaktionen. Nicolaisen plädierte für eine klare begriffliche und rechtliche Unterscheidung zwischen zivilem Ungehorsam und terroristischen Akten. Eine Vermischung dieser Ebenen trage zur weiteren Eskalation der Debatte bei.

 

Er verwies zudem auf eine andere Form der Gefährdung: Selbst dort, wo die Klimaproblematik grundsätzlich anerkannt werde, würden Forderungen nach Abschottung und Ausgrenzung gegenüber dem globalen Süden laut. So diene der Klimadiskurs teilweise als Argument gegen Flucht und Asyl. Es werde suggeriert, dass Zuwanderung die ökologischen Probleme verschärfe und daher begrenzt werden müsse. Ebenso würden Argumente für eine Bevölkerungskontrollpolitik im globalen Süden mit ökologischen Begründungen verknüpft – eine bedenkliche Entwicklung, die menschenrechtliche Standards in Frage stelle. Aus Sicht der Fachstelle ergebe sich damit eine Bedrohung auf zwei Ebenen: zum einen durch das Leugnen oder Diskreditieren von Klimaschutz, zum anderen durch autoritäre, ausgrenzende Antworten auf die globalen Umweltkrisen.

 

Zur Diskussion gestellt

 

In der anschließenden Diskussion wurden verschiedene Aspekte der Verbindung von Naturschutz und Rechtsextremismus vertieft. Mehrere Teilnehmende brachten eigene Erfahrungen ein, auf die Nicolaisen ausführlich einging.

 

Thomas Oellermann erinnerte daran, dass bereits vor etwa zehn Jahren die rechte Szene begonnen habe, eigene Naturschutzstrukturen aufzubauen – unter Schlagworten wie Heimatschutz und Naturschutz. Er fragte, ob dieses Phänomen weiterhin zu beobachten sei.

 

Nicolaisen antwortete, man müsse hier differenzieren. Bei der AfD sei ein eher libertärer Ansatz zu beobachten, der unter Berufung auf „unsere Freiheit“ die Nutzung von Atomkraft, das Festhalten am fehlenden Tempolimit und ähnliche Positionen betone. Daneben stünden Strömungen eines völkischen Autoritarismus, wie sie früher etwa bei der NPD oder beim „III. Weg“ vertreten worden seien. Dort gelte der Slogan „Naturschutz ist Heimatschutz“; dazu gehörten auch völkische Siedlerinnen und Siedler oder die sogenannte Anastasia-Bewegung.

 

Helena Päßler fragte, was Menschen bewege, sich solchen Strukturen anzuschließen, und wie es gelingen könne, sie davon abzuhalten.

 

Nicolaisen führte aus, dass Regionaldenken und Naturverbundenheit an sich nichts Negatives seien. Gerade der Heimatschutzbegriff liege jedoch nah an rechten Deutungen, weil er an einen emotionalen Bezug anknüpfe: Menschen wollten ihre Heimat sehen, erfahren und erleben und knüpften daran starke Gefühle. Umwelt- und Klimaschutz würden dagegen häufig als weit entfernt wahrgenommen, mit einer globalen Dimension, die nicht unmittelbar als persönlich betroffen empfunden werde. Diese Distanz mache es rechten Akteuren leichter, einfache Deutungen anzubieten. Hinzu kämen reale Zielkonflikte, an denen rechtspopulistische und rechtsradikale Gruppen anknüpften. Sie lüden diese Konflikte emotional auf und arbeiteten mit einer permanenten Krisenrhetorik, die Verunsicherung verstärke.

 

Die Fachstelle versuche hier aufzuklären: Sie decke auf, wer mit welchen Mitteln auf wen einwirke und welche Interessen dahinterstünden. Dieses Wissen solle Akteure im Naturschutz handlungsfähiger machen. Wichtig sei, Menschen bei ihrem berechtigten Interesse an Natur und Heimat abzuholen und deutlich zu machen, dass es keinen ernsthaften Naturschutz ohne umfassenden Umweltschutz geben könne. Wenn Menschen noch uninformiert und unentschlossen seien, könne man sie in der Regel erreichen. Wer jedoch bereits tief im Rechtspopulismus verfangen sei, sei nur noch schwer anzusprechen und kaum noch für demokratische Argumente offen.

 

Thomas Oellermann fragte anschließend, was die Identitäre Bewegung aktuell zum Thema Umweltschutz und Klimafragen mache und wie die rechte Szene zu sogenannten invasiven Arten stehe.

 

Die Identitäre Bewegung gebe es weiterhin, so Nicolaisen; sie sei stark mit der AfD verbandelt und klar völkisch ausgerichtet. Entscheidend sei die Frage, wie stark sich diese Strömung innerhalb der AfD durchsetzen werde – ob sich eher ein liberaler oder ein völkischer Kurs durchsetze, sei offen. Zentral sei dabei der Begriff des Ethnofloralismus, den Nicolaisen als moderne Variante der Blut-und-Boden-Ideologie beschrieb. Er verweise auf Bezüge zum Nationalsozialismus und sei zudem mit der Hervorhebung traditioneller Rollenbilder mit Naturbezug verknüpft. Das Thema Neophyten und invasive Arten sei in diesem Zusammenhang ein absolutes Aufregerthema. Einerseits gebe es eine reale, naturwissenschaftliche Betrachtung dieser Arten; andererseits würden rechte Akteure diese Debatte auf Menschen und Zuwanderung übertragen: „Wir sehen ja, was daraus wird“ – ein altes Muster der Ausgrenzung, das hier neu aufgeladen werde. 

 

Christa Naaß fragte nach den Möglichkeiten einer Zusammenarbeit mit tschechischen Organisationen in diesem Themenfeld.

 

Nicolaisen antwortete, die Fachstelle arbeite bislang nur sporadisch mit schwedischen und französischen Stellen zusammen, nicht jedoch mit tschechischen Partnern. Es gebe aber eine kleinere Gruppe der Naturfreunde auch in Tschechien; mit ihr bestehe eine gute Zusammenarbeit im ehemaligen Sudetengebiet, insbesondere in Jablonec und Liberec. Herbert Schmid schaltete sich mit dem traditionellen Gruß der Naturfreunde „Berg frei!“ ein und berichtete, dass die Naturfreunde Weiden seit Jahren intensiven Kontakt zur Gruppe „Freunde der Natur“ pflegten.

 

 

Diese seliger-online-Veranstaltung wird als Video auf unserem YOUTUBE-Kanal zur Verfügung gestellt. Auch die anschließende Abendschule mit Thomas Oellermann über sudetendeutsche Naturfreunde, kann jederzeit als Podcast nachgehört werden.

 

 Die seliger-online-Veranstaltungen finden mit großzügiger Unterstützung des Bundesministeriums des Innern aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages statt.

 
 

Homepage Seliger Gemeinde

Verdiente Persönlichkeiten

Gertl Sattler

Horst Krumpholz

Unser Bundesverband

 

Unser Landesverband

Die BRÜCKE - unsere Mitgliederinformation

Downloads

Ortsverein

Filmmaterial !

WebSozis

Soziserver - Webhosting von Sozis für Sozis WebSozis

Besucherzähler

Besucher:2
Heute:714
Online:1