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Familie Hieke - hintere Reihe von links Wilhelm, Emil, Alois. Vordere Reihe Viktor, Josefine, Leo - Foto: Familienarchiv Hieke - mit Graham Hieke 2026
Familie in großer Geschichte
Die Spurensuche der Familie Hieke aus Fischern bei Karlsbad
Beim Frühjahrsseminar der Seliger-Gemeinde 2026 stand unter anderem die Geschichte der sozialdemokratischen Familie Hieke aus Fischern bei Karlsbad im Mittelpunkt. Der Programmpunkt (Exkursion und Vortrag) verband Einblicke in die Geschichte der Deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei (DSAP) im Raum Karlsbad mit der persönlichen Spurensuche von Graham Hieke, einem (Ur-)Enkel der Familie.
Graham Hieke, heute Sozialwissenschaftler an der University of Surrey, begann vor rund zehn Jahren damit, die Geschichte seiner Familie zu erforschen. Ausgangspunkt waren Einbürgerungsunterlagen seiner Vorfahren in Großbritannien. Darin hatten Familienmitglieder ihre Lebenswege schriftlich festgehalten. Ergänzt werden diese Quellen durch Briefe in deutscher Sprache, die Graham Hieke nach und nach übersetzen lässt. Beim Frühjahrsseminar der Seliger-Gemeinde stellte er seine Erkenntnisse vor.
Die Geschichte der Familie führt in den böhmischen Teil des Erzgebirges. Dort wurde Emil Wenzel Hieke am 13. April 1894 in Böhmisch Wiesenthal geboren. In den 1920er Jahren arbeitete er im Hotel seines Vaters und lernte dort Josefine Leretz kennen, die er später heiratete. Nach einem wirtschaftlich erfolglosen Versuch als Hotelbesitzer zog die Familie Mitte der 1920er Jahre nach Fischern an der Eger bei Karlsbad. Dort wurde 1926 Sohn Leo Hieke geboren, der spätere Großvater von Graham Hieke.
Emil Hieke arbeitete in verschiedenen Berufen, unter anderem als Schreiber in einer Kooperative, Chauffeur und Kinobetreiber. Zugleich engagierte er sich politisch in der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (DSAP). 1931 wurde er örtlicher Parteisekretär und Mitglied des Stadtrats. Außerdem gehörte er der Republikanischen Wehr an. Mit der zunehmenden Radikalisierung im Sudetenland geriet er dadurch ins Visier nationalsozialistischer Kreise.
Nach dem Münchner Abkommen 1938 und der Annexion des Sudetenlandes verschärfte sich die Lage für sozialdemokratische Familien erheblich. Die Familie Hieke floh zunächst ins Landesinnere der Tschechoslowakei, später nach Prag. Dort suchten zahlreiche politisch Verfolgte Schutz. Unterkünfte waren knapp, viele Menschen lebten provisorisch in Hotels, Bahnhöfen oder Notquartieren.
Über Netzwerke der DSAP gelang vermutlich auch der Familie Hieke die Flucht aus der Tschechoslowakei. Unterstützt wurden solche Fluchtwege unter anderem von der britischen Helferin Doreen Warriner.
Im Februar 1939 gelang Emil Hieke die Ausreise über Polen und Schweden nach Großbritannien. Wenige Wochen später folgten ihm seine Frau und die fünf Kinder. Kurz darauf besetzte die Wehrmacht Böhmen und Mähren, viele Fluchtmöglichkeiten schlossen sich endgültig.
Die Familie lebte zunächst in Gästehäusern in Südengland und später in Albury. Während Emil Hieke erneut als Chauffeur arbeitete und später der Home Guard angehörte, kämpften seine Söhne Leo, Alois und Wilhelm in der 1. Tschechoslowakischen selbständigen gepanzerten Brigade auf Seiten der Alliierten.
Nach dem Krieg kehrte ein Teil der Familie in die Tschechoslowakei zurück, andere Familienmitglieder blieben in Großbritannien. Mit dem Tod der älteren Generation gingen auch sprachliche und kulturelle Verbindungen verloren. Als Leo Hieke 1986 in Cranleigh starb, war sein Enkel Graham vier Jahre alt. Mit ihm verschwand auch die deutsche Sprache weitgehend aus der Familie.
Geblieben sind Dokumente, Briefe und Erinnerungen – Fragmente einer Familiengeschichte, die exemplarisch für die Erfahrungen vieler sozialdemokratischer sudetendeutscher Familien im 20. Jahrhundert steht.