
Ein Hof der Hoffnung
Der Anton-Sacher-Hof in Fischern und sein fast vergessenes Erbe
Bei der Exkursion zum Frühjahrsseminar 2026 besuchte die Seliger-Gemeinde den Wohnort der Familie Hieke – den heutigen Karlsbader Stadtteil Fischern (Rybáře). Die deutsche Sozialdemokratie prägte diesen Ort mindestens genauso wie das vorher besuchte Altrohlau. Bürgermeister Anton Sacher ging hier einen bedeutenden Weg um gegen die Wohnungsnot anzukommen – er schuf ein Bauwerk, das kaum in Reiseführern auftaucht und doch ein bedeutendes Kapitel mitteleuropäischer Sozialgeschichte erzählt: den Anton-Sacher-Hof. Errichtet in den frühen 1930er Jahren, war der Wohnkomplex weit mehr als nur ein Gebäude – er war Ausdruck einer sozialen Vision in Zeiten wirtschaftlicher Not. In tschechischen Dokumenten ist er als „Sachrův dvůr“ in der Fibichova-Straße bekannt und Teil der historischen Siedlung Fischern.
Wohnen als soziale Aufgabe
Als der Anton-Sacher-Hof 1932 fertiggestellt wurde, war er weit mehr als nur ein Wohnblock. Fischern litt damals unter massivem Wohnungsmangel, überfüllten Unterkünften und schlechten hygienischen Bedingungen. Für viele Familien bedeutete Wohnen vor allem Enge und Unsicherheit.
Der neue Komplex setzte dem eine moderne Idee entgegen: 164 Wohnungen, angeordnet in einer geschlossenen Blockrandbebauung mit großzügigem Innenhof. Licht, Luft und Sonne wurden zum Leitmotiv der Planung – ein bewusster Gegenentwurf zu den dunklen Mietskasernen der Jahrhundertwende.
Verantwortlich für das Projekt war Erich Langhammer*, der stark von der Wiener Architekturmoderne geprägt war. Langhammer orientierte sich an den großen Wiener Gemeindebauten der Zwischenkriegszeit. Besonders die Anlage der Innenhöfe und die rhythmische Fassadengestaltung erinnern an Wohnhöfe in Wien-Floridsdorf oder an die Arbeiten von Hubert Gessner.
Ein Hof für Gemeinschaft
Der Innenhof war nicht nur Freifläche, sondern Mittelpunkt des sozialen Lebens. Kinder spielten dort geschützt vom Straßenverkehr, Nachbarn begegneten einander im Alltag, gemeinschaftliche Aktivitäten gehörten zum Konzept der Siedlung. Wohnen wurde hier als Teil eines größeren sozialen Zusammenhangs verstanden.
Auch die Infrastruktur war modern gedacht: breite Straßen wie die heutige Fibichova und Šmeralova verbanden die Siedlung mit dem restlichen Stadtgebiet. Der Hof war Teil eines umfassenden städtebaulichen Plans, der Fischern zu einem modernen Arbeiterstadtteil entwickeln sollte.
Der Einfluss von Anton Sacher
Benannt wurde der Hof nach Bürgermeister Anton Sacher, unter dessen Führung der kommunale Wohnungsbau systematisch ausgebaut wurde. Der Sacher-Hof galt als Vorzeigeprojekt der sudetendeutschen Sozialdemokratie und sollte zeigen, dass moderne, würdige Architektur auch für Arbeiterfamilien möglich war.
Auffällig ist dabei die Zurückhaltung der Architektur. Keine repräsentativen Fassaden, keine dekorative Pracht – stattdessen klare Linien, funktionale Formen und eine sachliche Eleganz. Gerade darin unterschied sich der Hof deutlich von den berühmten Kurbauten Karlsbads.
Zwischen Erinnerung und Gegenwart
Heute wirkt der Anton-Sacher-Hof unscheinbar. Wer durch Rybáře geht, erkennt kaum, dass hier eines der wichtigsten sozialpolitischen Bauprojekte der Region entstand. Dennoch gilt die Siedlung bis heute als eines der besten Beispiele funktionalistischen Wohnungsbaus der 1930er Jahre in Westböhmen.
Vielleicht liegt gerade darin seine besondere Bedeutung: Der Hof erzählt keine monumentale Geschichte. Er ist ein Erinnerungsort – an soziale Utopien, an das Leben in der Zwischenkriegszeit und an die Brüche des 20. Jahrhunderts.

*Der Architekt Erich Langhammer
Erich Langhammer (1881–1932) war ein bedeutender Architekt und Ingenieur, der die moderne Architektur Karlsbads (Karlovy Vary) entscheidend prägte. Er verband die Wiener Architekturmoderne mit der sudetendeutschen Baukunst in Westböhmen.
Langhammer studierte an der Technischen Hochschule Wien und wurde dort von der sachlichen und funktionalen Architektur eines Otto Wagner oder Adolf Loos beeinflusst. Diese Ideen übertrug er später nach Karlsbad.
Besonders bekannt wurde er durch die Planung der Siedlung Fischern (Rybáře) mit dem Anton-Sacher-Hof. Dabei orientierte er sich am Modell der Wiener Gemeindebauten: große Wohnanlagen mit begrünten Innenhöfen und gemeinschaftlichen Einrichtungen. Sein Stil verband moderne Funktionalität mit klar gegliederten Fassaden und einer zurückhaltenden Eleganz.
Neben Wohnbauten entwarf Langhammer auch Industriebauten und Infrastruktur. Zu seinen wichtigsten Werken zählt das ehemalige Elektrizitätswerk in Rybáře, ein früher funktionalistischer Industriebau mit klaren geometrischen Formen. Zudem war er an Brücken, Kanälen und technischen Anlagen entlang der Ohře und Rolava beteiligt.
Als Regierungs-Oberbaurat und Diplom-Ingenieur wirkte Langhammer als kultureller Brückenbauer zwischen Wien und Westböhmen. Obwohl er bereits 1932 im Alter von 51 Jahren starb, prägen seine Entwürfe die Entwicklung des Karlsbader Stadtteils Rybáře bis heute.