Sudetendeutscher Tag 2026

Veröffentlicht am 01.06.2026 in Allgemein

Diskutierten über Demokratiegeschichte, Exil und europäischen Zusammenhalt mit dem Referenten des Vortrags Dr. Jan Budňák (2.v.li.): die beiden Bundesvorsitzenden der Seliger-Gemeinde Helena Päßler (l.) und Christa Naaß (2.v.re.), Europa-Abgeordneter Hannes Heide (SPÖ) (re.), die Generalsekretärin der BayernSPD Kathrin Pollack (3.v.li), der vertriebenenpolitische Sprecher der BayernSPD-Landtagsfraktion Volkmar Halbleib (3.v.re.)

 

„Brünn 1934“: Diskussion über Demokratiegeschichte, Exil und europäischen Zusammenhalt

Vor einem mit mehr als 60 Personen übervollen Saal diskutierte die Seliger-Gemeinde im Rahmen des Sudetendeutschen Tages in Brünn über die demokratische Geschichte Mitteleuropas und die Bedeutung Brünns als Ort des Widerstands und des politischen Exils. Unter dem Titel „Brünn 1934 – ein kleiner Blick in die tschechisch-österreichische Demokratiegeschichte“ begrüßte die Vorsitzende der Seliger-Gemeinde, Christa Naaß, zahlreiche Ehrengäste aus Politik und Gesellschaft, darunter den Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe Bernd Posselt, den Europaabgeordneten Hannes Heide, den Bundestagsabgeordneten Ruppert Stüwe, den bayerischen Landtagsabgeordneten Volkmar Halbleib, Volkmar Harwanegg als Vorsitzenden der österreichischen Seliger-Gemeinde, den ehemaligen Vizepräsidenten des Europäischen Parlaments Libor Rouček, die Generalsekretärin der BayernSPD Kathrin Pollack sowie Patrik Eichler, Direktor der Demokratischen Masaryk-Akademie.
 

Christa Naaß betonte in ihrer Einführung, dass die Seliger-Gemeinde mit mehreren Veranstaltungen bewusst die sozialdemokratische Tradition Brünns sichtbar machen wolle. Neben der Ausstellung „Das rote Brünn“ und der Teilnahme am traditionellen Versöhnungsmarsch solle auch die Diskussionsveranstaltung daran erinnern, dass Brünn über Jahrzehnte ein Zentrum demokratischer Kultur und sozialdemokratischer Organisation gewesen sei.

Naaß hob hervor, dass Brünn in der Zwischenkriegszeit über eine ausgeprägte demokratische Kultur mit zahlreichen sozialdemokratischen Vereinen, Gewerkschaften und Bildungseinrichtungen verfügt habe. Nach der Niederschlagung der Demokratie in Österreich 1934 sei die Stadt zudem zu einem wichtigen Zufluchtsort und Zentrum des demokratischen Widerstands geworden. Genau an diese Tradition wolle die Veranstaltung erinnern und zugleich den Bogen zur Gegenwart schlagen. Angesichts zunehmender nationalistischer und populistischer Tendenzen in Europa müsse Demokratie immer wieder aktiv verteidigt werden.

Die Generalsekretärin der BayernSPD, Kathrin Pollack, schloß sich in Ihrem Grußwort diesem Appell an und dankte der Seliger-Gemeinde für Ihr Engagement.

Der Germanist und Historiker Dr. Jan Budňák, erst vor kurzem Gast bei seliger-online, zeichnete in seinem Beitrag ein eindrucksvolles Bild des sozialdemokratischen Brünns der Zwischenkriegszeit. Im Mittelpunkt seines Beitrags stand die Deutsche Masaryk-Volkshochschule, die von dem sudetendeutschen Sozialdemokraten und Gregor-Mendel-Forscher Hugo Iltis aufgebaut worden war. Iltis habe nach dem Ersten Weltkrieg moderne Konzepte der Erwachsenenbildung aus Deutschland und Wien nach Brünn gebracht und damit eine Institution geschaffen, die zur größten deutschsprachigen Volkshochschule der Tschechoslowakei wurde. Obwohl die Einrichtung sozialdemokratisch geprägt gewesen sei, habe sie sich bewusst als politisch offene Bildungsinstitution verstanden und bis Februar 1939 demokratische Diskussionen ermöglicht.

Budňák schilderte Brünn als multikulturelle Industriestadt mit starker Textilindustrie, weshalb sie auch als „mährisches Manchester“ bezeichnet wurde. Anders als häufig angenommen, sei der Niedergang dieser Industrie jedoch erst in den 1990er Jahren erfolgt und nicht unmittelbar Folge von Vertreibung oder Krieg gewesen. Zudem verwies Budňák auf aktuelle soziale Projekte wie das inzwischen eingestellte „Housing first“-Programm für Wohnungslose, das in gewisser Weise an die soziale Tradition der Stadt angeknüpft habe.

Einen zentralen Schwerpunkt der Diskussion bildete der 12. Februar 1934, der Beginn des österreichischen Bürgerkriegs und der Errichtung des Austrofaschismus. Hannes Heide, Mitglied des Europäischen Parlaments und ehemaliger Bürgermeister von Bad Ischl, erinnerte daran, dass das Dollfuß-Regime damals die Demokratie gewaltsam beseitigt habe. Für die österreichische Sozialdemokratie sei dieses Datum bis heute ein zentrales Erinnerungszeichen. Brünn sei aufgrund seiner geografischen Nähe zu Wien rasch zu einem wichtigen Ort des politischen Exils geworden.

Heide schilderte eindrucksvoll die Arbeit der österreichischen Sozialdemokraten im Exil. In Brünn entstand das Auslandsbüro der österreichischen Sozialdemokratie, von dem aus der Widerstand gegen das autoritäre Regime organisiert wurde. Heide erinnerte in diesem Zusammenhang an Kurierfahrten des 1911 geborenen Bruno Kreisky, der 1936 zu zwölf Monaten Kerkerhaft verurteilt worden war und zuvor bereits 15 Monate in Untersuchungshaft verbracht hatte. Besonders hob Heide die „Arbeiterzeitung“ hervor, die ab Februar 1934 in Brünn erschien und trotz politischer Repression heimlich weitergedruckt wurde. Herausgeber war der frühere österreichische Außenminister Otto Bauer, der selbst nach Brünn geflohen war. Die Zeitung erreichte zeitweise eine Auflage von mehr als 750.000 Exemplaren und wurde zu einem zentralen Sprachrohr der demokratischen Opposition.

Hannes Heide verband die historische Diskussion mit seiner eigenen Familiengeschichte. Seine Mutter, Jahrgang 1941, und deren ältere Schwester hätten ihren Vater 1944 im Krieg verloren; er sei in der Normandie gefallen. Heides eigener Vater wurde am 2. März 1939 in Haida geboren und später als Kind vertrieben. Heide betonte, es sei die große Leistung einer ganzen Generation gewesen, dass er 1966 bereits in eine völlig veränderte und friedlichere Welt hineingeboren worden sei.

Zugleich verband Heide die historische Diskussion mit aktuellen politischen Entwicklungen. Europa stehe erneut vor großen Herausforderungen durch Nationalismus und Populismus. würden inzwischen oft wie Castingshows geführt; entscheidend sei nur noch die kurzfristige mediale Positionierung. Dem müsse man entgegenwirken. Umso wichtiger sei es, aus der Geschichte zu lernen und europäische Zusammenarbeit zu stärken. Der Sudetendeutsche Tag in Brünn sei deshalb ein starkes Zeichen der Verständigung. Noch die Generation seiner Eltern hätte sich nicht vorstellen können, dass eine solche Veranstaltung einmal selbstverständlich in der Tschechischen Republik stattfinden würde.

Auch Volkmar Halbleib, vertriebenenpolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion im Bayerischen Landtag, würdigte den Weg der Verständigung zwischen Bayern und Tschechien. Der von vier demokratischen Parteien gemeinsam eingebrachte Dringlichkeitsantrag zum Sudetendeutschen Tag zeige einen breiten demokratischen Konsens. Halbleib betonte, dass die sudetendeutsche Sozialdemokratie stets Brückenbauerin gewesen sei und Aussöhnung immer über nationale Abgrenzung gestellt habe. Gerade die Glaubwürdigkeit der sudetendeutschen Sozialdemokraten als Gegner Adolf Hitlers habe wesentlich zur Verständigung beigetragen.

Zum Abschluss der Veranstaltung griff Helena Päßler, Ko-Vorsitzende der Seliger-Gemeinde, die zuvor diskutierten historischen und politischen Linien noch einmal eindringlich auf. Sie erinnerte daran, wie außergewöhnlich und historisch bedeutsam es sei, dass ein Sudetendeutscher Tag heute selbstverständlich in Brünn stattfinden könne. Für die Generation ihrer Eltern wäre dies noch unvorstellbar gewesen. Gerade deshalb dürfe man die erreichte Verständigung zwischen Deutschen und Tschechen nicht als selbstverständlich ansehen.

Päßler betonte, dass die Geschichte der sudetendeutschen Sozialdemokratie zeige, wie wichtig demokratische Haltung, internationale Solidarität und der Mut zum Widerspruch seien. Viele Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten hätten Verfolgung, Exil und Vertreibung erlebt, weil sie sich Nationalismus und autoritären Entwicklungen entgegengestellt hätten. Daraus erwachse auch heute Verantwortung. Mit Blick auf aktuelle politische Entwicklungen rief sie dazu auf, rechtspopulistischen und demokratiefeindlichen Kräften entschlossen entgegenzutreten und insbesondere die AfD politisch zurückzudrängen.

 
 

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