
Flucht, Verlust und Versöhnung – die Geschichte einer Modelleisenbahn
Als eine historische Märklin-Dampflok beim Sudetendeutschen Tag 2026 in Brünn ihre Runden drehte, war dies weit mehr als die Vorführung eines alten Spielzeugs. Für Christoph Krumpholz schloss sich damit ein Kreis der Familiengeschichte, der vor über 80 Jahren begonnen hatte.
Die Zwillingsbrüder Horst und Werner Krumpholz wurden am 6. Januar 1935 in Oberschlesien geboren. Ihre ersten Lebensjahre verbrachten sie in der Gabelsbergergasse 40 in Brünn in einer zunächst behüteten Welt. Doch der Krieg rückte immer näher. Horst Krumpholz erinnerte sich später daran, wie er als Schulkind die Häftlinge einer nahegelegenen KZ-Außenstelle beobachten musste. Durch einen Drahtzaun sahen die Kinder geschundene und halb verhungerte Menschen in Häftlingskleidung, teilweise mit Judenstern. „Wir schoben oft unser Schulpausenbrot unter dem Zaun durch“, schrieb er in seinen Erinnerungen. Als die Wachmannschaften dies bemerkten, wurde ein hoher Bretterzaun errichtet. Auch die Kriegsvorbereitung erreichte die Kinder früh: Bereits im Alter von neun oder zehn Jahren mussten sie an Waffenübungen in den Wäldern nahe Brünn teilnehmen.
Zu den letzten unbeschwerten Erinnerungen der Familie zählt Weihnachten 1943. Im Fotoalbum vermerkt hieß es, dies seien „die letzten glücklichen Stunden in Brünn gewesen, bevor die Welle der unfassbaren Gewalt, die wir über Europa gebracht hatten, zurückschwappte und über uns zusammenbrach“. Mit Unterstützung der Großmutter aus Niklasdorf im Altvatergebirge erhielten die Zwillinge eine Märklin-Modelleisenbahn. Gemeinsam mit ihrer Cousine Evi Proustavá ließen sie die Lok unter dem Weihnachtsbaum fahren.
Besonders Werner war von Eisenbahnen begeistert. Die vielen Fahrten mit Dampflokomotiven ins Altvatergebirge und die Strecke mit ihren zahlreichen Tunneln hatten ihn fasziniert. Die Modelleisenbahn wurde zum Sinnbild dieser Leidenschaft und prägte ihn sein Leben lang.
Im Frühjahr 1945 endete die Kindheit abrupt. Vater Reinhold Krumpholz, seit 1933 NSDAP-Mitglied und zuletzt Volkssturmmann, brachte die Familie Mitte April aus Brünn nach Zwittau. Von dort wollte er Frau und Kinder in die amerikanische Besatzungszone in Sicherheit bringen. Am 7. Mai fuhr er wieder mit dem Fahrrad die rund 80 Kilometer zurück nach Brünn. Seit diesem Tag gilt er als verschollen. Ob er sein Ziel jemals erreichte, weiß die Familie bis heute nicht.
Die Flucht der Familie nahm einen dramatischen Verlauf. Sie geriet in die Gewaltexzesse an der Moldaubrücke bei Bernartice, überlebte die Ereignisse und wurde anschließend entlang der Grenze bis nach Znaim getrieben, bevor die Abschiebung nach Österreich erfolgte. Die geliebte Modelleisenbahn blieb in Brünn zurück. 1949, ein Jahr vor der Gründung der Vertriebenengemeinde Waldkraiburg, kamen Horst und Werner Krumpholz mit ihrer Mutter Maria nach Waldkraiburg.
Der Verlust der Eisenbahn beschäftigte Werner Krumpholz über Jahrzehnte. Seine Begeisterung für Eisenbahnen blieb jedoch ungebrochen und führte zu einer umfangreichen Sammlung. 2015 erfüllte ihm seine Familie einen lang gehegten Wunsch und beschaffte eine nahezu identische Lokomotive: eine seltene Märklin R66/12900 aus den 1930er Jahren. Die handlackierte Spur-0-Dampflok mit ihrem zweiachsigen Tender gehört heute zu den begehrten Klassikern des Märklin-Tinplate-Programms.
Nach einer ersten Probefahrt erhielt die Lok einen Ehrenplatz in Werners Sammlung. Werner Krumholz wurde ebenfalls Seliger-Mitglied und verstarb am 12.01.2023 in Waldkraiburg, sein Zwillingsbruder Horst war bereits am 7. Juli 2013 verstorben.
Beim Sudetendeutschen Tag 2026 brachte sein Sohn Christoph die Eisenbahn schließlich nach Brünn zurück. Am Stand der Seliger-Gemeinde zog die historische Lok mit ihrem Tender und einem Personenwagen der dritten Klasse die Blicke zahlreicher Besucher auf sich.
Für Christoph Krumpholz war die Fahrt der kleinen Dampflok durch Brünn ein bewegender Moment. Die Lok, die sein Vater als Kind verloren hatte, kehrte nach mehr als acht Jahrzehnten an den Ort ihrer Geschichte zurück. Aus einem Spielzeug wurde damit ein Symbol für Erinnerung, Verlust und Versöhnung – und für die Kraft persönlicher Geschichten, historische Ereignisse über Generationen hinweg lebendig zu halten.
Dazu präsentierte Christoph Krumpholz das Gedicht von Josef Hofbauer „Gespensterzüge“