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Marie Seliger (1874 - 1963)
Sozialdemokratin, Frauenpolitikerin und Namensgeberin einer politischen Tradition
Marie Seliger wurde 1874 als Marie Pietsch in Neu-Habendorf bei Reichenberg geboren. Sie arbeitete wie ihr späterer Ehemann als Textilarbeiterin. Am 4. Juni 1893 heiratete sie den damals 23-jährigen Textilarbeiter Josef Seliger, der sich bereits früh in der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung engagierte.
Das junge Ehepaar führte zunächst das typische Leben einer Arbeiterfamilie. Marie arbeitete tagsüber, während Josef Seliger zeitweise Nachtschicht hatte; häufig sahen sich beide während der Woche kaum. Auch die freien Sonntage gehörten bald der politischen Arbeit, denn Josef Seliger war bereits als Agitator und Redner der Sozialdemokratie unterwegs.
Schon wenige Monate nach der Hochzeit begann sich das Leben der Familie grundlegend zu verändern. Am 20. August 1893 wurde Josef Seliger zu einer politischen Versammlung in der Umgebung von Teplitz-Schönau eingeladen. Kurz darauf erhielt er eine Anstellung beim Teplitzer Konsumverein. 1894 wurde in Teplitz die sozialdemokratische Zeitung „Volksstimme“ gegründet, für die Josef Seliger als Redakteur tätig wurde. Damit verlagerte sich der Lebensmittelpunkt der Familie endgültig nach Nordböhmen.
Marie und Josef Seliger bekamen vier Kinder: Irmgard, Hugo, Oskar und Anny. Während Josef Seliger immer stärker in den Mittelpunkt der deutschböhmischen Sozialdemokratie rückte, trug Marie zunächst einen großen Teil der familiären Belastungen. Das Einkommen war knapp und musste zeitweise durch Heimarbeit ergänzt werden. Mit der Wahl Josef Seligers in das Wiener Parlament 1907 wurden seine langen Abwesenheiten zur Regel. Er reiste von Versammlung zu Versammlung und von Parteitag zu Parteitag, während die Verantwortung für Haushalt und Kinder weitgehend bei Marie lag.
Doch Marie Seliger blieb keineswegs auf diese Rolle beschränkt. Nachdem die Kinder größer geworden waren, trat sie selbst immer stärker innerhalb der Arbeiterbewegung hervor. Von 1911 bis 1934 leitete sie die sozialdemokratische Frauengruppe in Teplitz-Schönau. Sie gehörte außerdem dem Orts- und Bezirksvorstand der Sozialdemokratie an. Von 1920 bis 1928 war sie Mitglied des Stadtrates von Teplitz-Schönau und beschäftigte sich dort insbesondere mit kommunalen und sozialen Fragen.
Damit gehörte Marie Seliger über mehr als zwei Jahrzehnte zu den aktiven Frauen der deutschböhmischen beziehungsweise sudetendeutschen Sozialdemokratie. Ihre Tätigkeit steht in einer Reihe mit den später besonders hervortretenden sozialdemokratischen Frauen West- und Nordböhmens wie Barbara Sacher, Marie Günzl oder Erna Haberzettl. Gerade die neue Quelle macht deutlich, wie stark Frauen bereits lange vor 1938 eigene politische und organisatorische Verantwortung übernahmen.
Am 18. Oktober 1920 starb Josef Seliger im Alter von nur 50 Jahren. Die vorausgehenden politischen Auseinandersetzungen um den Aufbau der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republik und insbesondere der Kampf gegen die kommunistische Abspaltung hatten seine ohnehin angeschlagene Gesundheit zusätzlich belastet. Marie Seliger wurde mit 47 Jahren Witwe.
Trotz dieses schweren Einschnitts setzte sie ihre politische Arbeit fort. Gerade die Tatsache, dass sie ihre Frauengruppe noch bis 1934 leitete, zeigt, dass ihr politisches Engagement nicht lediglich aus der Tätigkeit ihres Mannes erwachsen war, sondern zu einer eigenen Lebensaufgabe geworden war.
Mit der nationalsozialistischen Besetzung des Sudetenlandes 1938 begann für die Familie eine Zeit schwerer Verfolgung. Besonders tragisch war das Schicksal ihres Schwiegersohnes Emil Strauß, des Ehemanns ihrer Tochter Anny. Die Gestapo verhaftete ihn am 2. April 1939. Nach Haft in Prag sowie Aufenthalten in den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald wurde er schließlich in Auschwitz ermordet. Auch weitere Angehörige der Familie fielen der nationalsozialistischen Verfolgung zum Opfer.
Marie Seliger überstand die NS-Zeit und hatte dabei nach dem Bericht von 1959 sogar wertvolles historisches Material bewahren können, darunter Briefe von Viktor Adler, Karl Renner und Karl Seitz.
Doch auch nach Kriegsende endeten ihre Schwierigkeiten nicht. Im Juni 1946 wurden Marie Seliger und ihre Tochter Anny in Prag verhaftet und in das Lager Hagibor gebracht. Durch die Hilfe sozialdemokratischer Freunde in Schweden konnten schließlich Flugkarten beschafft werden, die beiden die Ausreise nach Schweden ermöglichten. Bei ihrer Ausreise ging allerdings ein Teil des von Marie Seliger über die NS-Zeit hinweg geretteten historischen Archivmaterials verloren.
Dieser Punkt sollte gegenüber unserer bisherigen Fassung etwas präzisiert werden: Der Brücke-Bericht spricht hier nicht von einem Antifa-Transport, sondern ausdrücklich davon, dass aus Schweden Flugkarten geschickt wurden, mit deren Hilfe Marie und Anny die Tschechoslowakei verlassen konnten.
Auch die folgenden Jahre brachten Marie Seliger zahlreiche persönliche Verluste. 1950 reiste sie von Schweden nach Deutschland zu ihrem Sohn Oskar; noch bevor sie eintraf, war dieser verstorben. Danach fand sie bei ihrem Sohn Hugo ein neues Zuhause, doch auch er starb wenige Jahre später. Ihre Tochter Irmgard starb in Amerika. Anfang 1959 erreichte Marie Seliger schließlich aus Australien die Nachricht vom Tod ihrer letzten Tochter Anny Strauß.
Damit hatte sie innerhalb weniger Jahre ihre vier Kinder verloren. Im hohen Alter lebte sie schließlich in Frankfurt am Main, wo sie von ihrer Schwiegertochter Dora, der Witwe ihres Sohnes Hugo, betreut wurde.
Trotz aller persönlichen Verluste blieb Marie Seliger der sozialdemokratischen Bewegung eng verbunden. Als sich die vertriebenen sudetendeutschen Sozialdemokraten nach dem Krieg organisatorisch neu sammelten, wurde der Name ihres verstorbenen Mannes zum Symbol ihrer politischen Tradition. Am 10. und 11. November 1951 entstand in Brannenburg die Seliger-Gemeinde, die an die demokratische und sozialdemokratische Tradition der DSAP anknüpfte.
Marie Seliger wurde innerhalb dieser Gemeinschaft zu einer hoch geachteten Persönlichkeit. Freunde nannten sie liebevoll „Mutti Seliger“. Noch zu ihrem 85. Geburtstag 1959 berichtete Ernst Paul in der Brücke, dass sie bei jedem Wetter durch Frankfurt-Höchst ging, um, wie sie selbst sagte, „in Übung zu bleiben“.
1962 ehrte die Seliger-Gemeinde Marie Seliger anlässlich ihres 88. Geburtstags mit der Seliger-Plakette. Sie starb 1963 im Alter von 89 Jahren in Frankfurt am Main.
Bedeutung
Marie Seliger sollte heute nicht allein als Ehefrau und Witwe Josef Seligers erinnert werden. Ihr eigener politischer Lebensweg macht sie zu einer bedeutenden Vertreterin der sudetendeutschen sozialdemokratischen Frauenbewegung: Mehr als zwanzig Jahre leitete sie die Frauengruppe von Teplitz-Schönau, gehörte der Parteiorganisation auf Orts- und Bezirksebene an und übernahm acht Jahre lang kommunalpolitische Verantwortung als Stadträtin.
Ihr Leben verbindet zugleich nahezu alle Brüche der sudetendeutschen Sozialdemokratie im 20. Jahrhundert: Arbeiterbewegung und Frauenorganisation vor 1914, Aufbau der DSAP nach 1918, nationalsozialistische Verfolgung, Verlust von Familienangehörigen, Nachkriegshaft und Emigration sowie schließlich die Neugründung der politischen Gemeinschaft im Westen.
*Anny vermählte sich mit dem Prager Historiker, Journalisten und Schriftsteller Dr. Emil Strauss, der am 2. April 1939 von der Gestapo verhaftet wurde und über die Konzentrationslager Dachau und Buchenland ins Vernichtungslager Auschwitz kam, von wo er von den Nazis ermordet wurde. Sie selbst starb Anfang 1959 in Australien. Ihre Tochter Marianne wurde am 1.10.1944 nach Auschwitz deportiert. Sie ist in Bergen-Belsen mit ihrem Mann umgekommen.
**Genau wie seine Schwester Anny und deren Mann Dr. Emil Strauß gerieten auch Hugo und Dora in das Visier der Nationalsozialisten. Hugo Seliger wurde aufgrund seines sudetendeutschen, sozialdemokratischen Hintergrunds und seiner antifaschistischen Haltung politisch verfolgt. Im Gegensatz zu seiner Schwester Anny und seiner Mutter Marie, die erst nach Kriegsende 1945 vertrieben wurden, gelang Hugo und Dora Seliger die Flucht. Sie schafften es in den Jahren 1938/1939, im Zuge der großen sozialdemokratischen Evakuierungswelle nach dem Münchner Abkommen, über das Netzwerk der DSAP nach Großbritannien (England) zu emigrieren.
Der Bruder Oskar soll nach Westdeutschland ausgesiedelt worden sein, die älteste Tochter Irmgard ging nach Amerika – ob 1938/39 oder später ist unbekannt.