Bedeutende Persönlichkeiten

Veröffentlicht am 02.07.2026 in Allgemein

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Marie Seliger 1874 - 1963

Marie Seliger wurde im Jahr 1874 als Marie Pietsch geboren und prägte über Jahrzehnte hinweg die sudetendeutsche sozialdemokratische Frauenbewegung an der Seite ihres Ehemannes, dem Textilarbeiter Josef Seliger, den sie 1893 in Schönborn bei Reichenberg heiratete. Kurze Zeit später wurde Josef Seliger, der sich inzwischen in der Sozialdemokratischen Partei als Redner hervorgetan hatte, zum Teplitzer Konsumverein nach Eichwald berufen. Ein Jahr später — 1094 — wurde in Teplitz die „Volksstimme" aus der Taufe gehoben und Josef Seliger zum Redakteur dieses Wochenblattes bestellt.
 

Gemeinsam baute das Paar in Nordböhmen eine Familie mit vier Kindern (Irmgard, Hugo, Oskar und Anny) auf, während Josef Seliger zum führenden Kopf der deutschböhmischen Sozialdemokratie aufstieg. Marie stand dabei jedoch keineswegs im Schatten ihres Mannes, sondern engagierte sich von Beginn an selbstständig und mit großem Nachdruck in den regionalen sozialdemokratischen Frauenorganisationen und der lokalen Arbeiterbewegung.

Ein schwerer Schicksalsschlag traf sie im Jahr 1920, als ihr Ehemann Josef im Alter von nur 50 Jahren unerwartet verstarb. Marie Seliger war fortan damit beschäftigt ihre Großfamilie unter den extrem schwierigen wirtschaftlichen und politischen Bedingungen der Zwischenkriegszeit in der jungen Tschechoslowakei allein durchzubringen, blieb aber politisch aktiv. So war sie in den Jahren 1911 bis 1934 Vorsitzende der Sozialdemokratischen Frauengruppe in Teplitz-Schönau, gehörte dem Orts- und Bezirksvorstand der Partei an und widmete sich schließlich in den Jahren von 1920 bis 1928 als Stadträtin den kommunalen und sozialen Fragen der Stadt Teplitz-Schönau.

Mit dem Einmarsch der Nationalsozialisten im Sudetenland 1938 brach eine Zeit schwerer Verfolgung an. Als Familie des bekannten, verstorbenen Antifaschisten gerieten die Seligers sofort ins Visier des NS-Regimes und verloren jegliche wirtschaftliche Existenzgrundlage. Mit ihrer Tochter Anny Strauss-Seliger* war sie in Prag großen Unannehmlichkeiten ausgesetzt.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1945 teilte Marie Seliger das Schicksal der Vertreibung. Dank der gut funktionierenden sozialdemokratischen Netzwerke gelang ihr jedoch zusammen mit Teilen ihrer Familie über einen sogenannten „Antifa-Transport“ die Flucht ins sichere Exil nach Schweden. Die Treuegemeinschaft der Sudetendeutschen Sozialdemokraten hatte von Schweden aus für beide Frauen Flugkarten nach Prag sandten, mit denen sie die Tschechoslowakei verlassen konnten. Von dort zog sie in den Nachkriegsjahren schließlich weiter nach Westdeutschland und ließ sich 1959 mit ihrer Schwiegertochter Dora** (Ehefrau von Sohn Hugo) in Frankfurt am Main nieder.

Währenddessen formierte sich die vertriebene sudetendeutsche Sozialdemokratie im Westen neu: Am 4. Juni 1951 wurde beim Registergericht in München der Gründungsantrag für eine neue Gesinnungsgemeinschaft eingereicht, deren eigentliche Gründungsversammlung am 10. und 11. November 1951 im oberbayerischen Brannenburg stattfand. In tiefer Verbundenheit zu ihrem verstorbenen Ehemann benannten die Gründer – darunter prominente Köpfe wie Wenzel Jaksch, Ernst Paul und Olga Sippl – die Organisation nach ihm: die Seliger-Gemeinde. Diese verstand und versteht sich bis heute als politisches und geistiges Erbe der früheren DSAP (Deutsche Sozialdemokratische Arbeiterpartei) und setzt sich für die deutsch-tschechische Versöhnung ein.

Für ihre lebenslange Treue zur demokratischen Bewegung und ihr unermüdliches Wirken wurde Marie Seliger im Jahr 1962 anlässlich ihres 88. Geburtstages von eben dieser Seliger-Gemeinde mit der prestigeträchtigen Seliger-Plakette geehrt. Nur ein Jahr später, 1963, verstarb sie im Alter von 89 Jahren in Frankfurt a.M.

 

*Anny vermählte sich mit dem Prager Historiker, Journalisten und Schriftsteller Dr. Emil Strauss, der am 2. April 1939 von der Gestapo verhaftet wurde und über die Konzentrationslager Dachau und Buchenland ins Vernichtungslager Auschwitz kam, von wo er von den Nazis ermordet wurde. Sie selbst starb Anfang 1959 in Australien.  Ihre Tochter Marianne wurde am 1.10.1944 nach Auschwitz deportiert. Sie ist in Bergen-Belsen mit ihrem Mann umgekommen.

**Genau wie seine Schwester Anny und deren Mann Dr. Emil Strauß gerieten auch Hugo und Dora in das Visier der Nationalsozialisten. Hugo Seliger wurde aufgrund seines sudetendeutschen, sozialdemokratischen Hintergrunds und seiner antifaschistischen Haltung politisch verfolgt. Im Gegensatz zu seiner Schwester Anny und seiner Mutter Marie, die erst nach Kriegsende 1945 vertrieben wurden, gelang Hugo und Dora Seliger die Flucht. Sie schafften es in den Jahren 1938/1939, im Zuge der großen sozialdemokratischen Evakuierungswelle nach dem Münchner Abkommen, über das Netzwerk der DSAP nach Großbritannien (England) zu emigrieren.

 

Der Bruder Oskar soll nach Westdeutschland ausgesiedelt worden sein, die älteste Tochter Irmgard ging nach Amerika – ob 1938/39 oder später ist unbekannt.

 
 

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