Bedeutende Persönlichkeiten

Veröffentlicht am 09.07.2026 in Allgemein

 

Heinrich Müller jun. (1904 - 1977)

Heinrich Müller jun. wurde am 29. März 1904 in Aussig an der Elbe, dem heutigen Ústí nad Labem, geboren. Er war der erste Sohn des späteren DSAP-Politikers, Abgeordneten, Senators und Vorsitzenden des Arbeiter-Turn- und Sportverbandes Heinrich Müller sen. und dessen erster Ehefrau Wilhelmina Müller, geborene Schusser. Seine Eltern hatten am 26. Oktober 1903 in Aussig geheiratet. Heinrich wuchs in einem stark von der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung geprägten Elternhaus auf, in dem Politik, Arbeiterbildung, Gemeinschaftssinn und demokratisches Engagement zum Alltag gehörten.

Früh schloss sich Heinrich Müller jun. selbst der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republik, der DSAP, an. Auch die Arbeitersportbewegung und die politischen Überzeugungen seines Vaters prägten ihn nachhaltig. Beruflich erlernte er das Bau- und Möbeltischlerhandwerk und entwickelte sich zu einem vielseitig einsetzbaren Handwerker. Später war er zeitweise als städtischer Bediensteter in Aussig tätig.

In den 1920er-Jahren unternahm Heinrich Müller gemeinsam mit Freunden mehrere Rucksack- und Wanderreisen, die ihn unter anderem nach Italien führten. Seine Erlebnisse und Beobachtungen hielt er in einem Reisetagebuch fest. Auszüge daraus wurden später unter dem Titel „Aus einem Tippeltagebuch“ veröffentlicht. Die Aufzeichnungen vermitteln den Eindruck eines neugierigen, weltoffenen jungen Mannes, der sich für andere Länder, Menschen und Lebensweisen interessierte. Diese Offenheit und Anpassungsfähigkeit sollten ihm später bei der Bewältigung von Flucht und Emigration zugutekommen.

Am 20. April 1935 heiratete Heinrich Müller in einer Ziviltrauung in Aussig Else Elisabeth Hedwig Gasse. Sie war am 12. März 1908 in Aussig geboren worden und katholisch getauft. Am 26. September 1926 war sie aus der katholischen Kirche ausgetreten. Zum Zeitpunkt der Eheschließung wohnte Heinrich Müller in der Karl-Marx-Straße 20 in Aussig und wurde im Trauungseintrag als städtischer Bediensteter bezeichnet. Else Gasse, die als „Private“ geführt wurde, lebte in Neulerchenfeld 48. Als Trauzeugen nahmen Heinrich Kristen und Josef Schusser an der Eheschließung teil.

Mit der politischen Radikalisierung der 1930er-Jahre und dem Aufstieg der nationalsozialistischen Sudetendeutschen Partei gerieten auch Heinrich und Else Müller zunehmend unter Druck. Als Sohn eines prominenten DSAP-Politikers und als selbst politisch aktiver Sozialdemokrat musste Heinrich Müller nach dem Münchner Abkommen und der Besetzung der sudetendeutschen Gebiete mit seiner Verhaftung rechnen.

Am 23. Oktober 1938 überschritt er gemeinsam mit vierzehn weiteren sudetendeutschen Sozialdemokraten bei Suchá Hora die tschechoslowakisch-polnische Grenze. Die Flucht erfolgte unter dem Schutz und mit Unterstützung des britischen Labour-Abgeordneten David Grenfell, der sich für die Rettung verfolgter sudetendeutscher Sozialdemokraten einsetzte. Von Polen aus gelangte die Gruppe nach Großbritannien. Else Müller musste zunächst in der Heimat zurückbleiben, konnte ihrem Mann jedoch etwa fünf Wochen später nach England folgen.

Ursprünglich war vorgesehen, Heinrich und Else Müller gemeinsam mit einer größeren Gruppe sudetendeutscher Flüchtlinge nach Neuseeland auswandern zu lassen. Zwischenzeitlich eröffnete sich jedoch die Möglichkeit einer Ansiedlung in Kanada. Auf Bitte des Vorsitzenden der DSAP im Exil, Wenzel Jaksch, erklärte sich Heinrich Müller bereit, dort als gelernter Bau- und Möbeltischler am Aufbau neuer Siedlungen mitzuwirken. Seine beruflichen Fähigkeiten machten ihn für ein solches Vorhaben besonders geeignet.

Die kanadischen Auswanderungspläne scheiterten jedoch an der medizinischen Untersuchung seiner Ehefrau. Else Müller wurde wegen eines leichten Kropfes von den kanadischen Einwanderungsbehörden abgelehnt. Für das Ehepaar bedeutete diese Entscheidung eine schwere Enttäuschung. Heinrich wollte nicht ohne seine Frau auswandern, sodass beide zunächst in ein Flüchtlingslager bei Cleobury Mortimer zurückkehrten. Ende 1939 erhielten sie schließlich die Nachricht, dass ihnen die Einreise nach Neuseeland bewilligt worden war.

Vor seiner Abreise hielt sich Heinrich Müller noch einige Zeit in London auf. Dort nahm er an der für die sudetendeutsche Sozialdemokratie wichtigen Konferenz in Loughton teil und stand in engem Kontakt mit Wenzel Jaksch, der unweit seiner Unterkunft lebte. Kurz vor der Abreise verabschiedeten sich Heinrich und Else Müller bei einem gemeinsamen Nachmittagskaffee von Jaksch und weiteren politischen Weggefährten.

Am 4. Mai 1940 begann ihre Überfahrt nach Neuseeland. Die Reise fand unter den gefährlichen Bedingungen des Zweiten Weltkriegs statt. In seinem Tagebuch schilderte Heinrich Müller eindrucksvoll die beklemmende Atmosphäre beim Auslaufen des Schiffes. Entlang der Themse sah er die silbernen Sperrballons der britischen Luftabwehr und versenkte Schiffe, deren Schornsteine aus dem Wasser ragten. Die bereitliegenden Schwimmwesten erinnerten die Passagiere ständig an die Gefahr deutscher Minen, U-Boote und Kriegsschiffe.

Heinrich und Else Müller erreichten Neuseeland unversehrt. Das Schiff, das sie in Sicherheit gebracht hatte, wurde allerdings auf seiner Rückfahrt nach England von einem deutschen Kriegsschiff versenkt. Dieses Ereignis verdeutlichte ihnen nachträglich, wie gefährlich ihre Überfahrt tatsächlich gewesen war.

Die Entscheidung für Neuseeland begründete Heinrich Müller später mit seinem Wunsch, Europa und den Krieg möglichst weit hinter sich zu lassen und in einem friedlichen Land ein neues Leben aufzubauen. Dennoch war die erste Zeit in der neuen Heimat von starkem Heimweh und der Unsicherheit eines völligen Neuanfangs geprägt.

Bereits einen Tag nach seiner Ankunft fand Heinrich Müller Arbeit als Bau- und Möbeltischler. Er und seine Frau verzichteten bewusst darauf, länger als unbedingt notwendig Flüchtlingshilfe in Anspruch zu nehmen. Beide wollten sich ihre neue Existenz aus eigener Kraft aufbauen. Eine wichtige Starthilfe erhielten sie dennoch durch den Czech Refugee Trust Fund, der ihre Überfahrt finanzierte und ihnen zusätzlich 200 Pfund für den Neubeginn zur Verfügung stellte.

Die ersten Jahre lebte das Ehepaar in bescheidenen Verhältnissen in einer Einzimmerwohnung. Durch harte Arbeit und große Sparsamkeit gelang es Heinrich und Else Müller schließlich, ein eigenes Haus zu erwerben. An ihrem zehnten Hochzeitstag, dem 20. April 1945, konnten sie in ihr neues Heim einziehen. Sie ließen sich in Island Bay bei Wellington nieder.

Im Juli 1945 wurde ihre Tochter Helen geboren. Sie blieb das einzige Kind des Ehepaares. Helen absolvierte später eine Ausbildung zur Krankenschwester, heiratete einen Niederländer und gründete eine eigene Familie.

Wie viele Emigranten musste Heinrich Müller den Verlust seiner Heimat, seiner Familie und seines bisherigen gesellschaftlichen Umfeldes verarbeiten. Zugleich gelang ihm eine bemerkenswerte Eingliederung in die neuseeländische Gesellschaft. Rückblickend erklärte er, dass er sich überall dort angepasst habe, wo dies mit seinen demokratischen und politischen Überzeugungen vereinbar gewesen sei. Anpassung um den Preis des eigenen Gewissens oder der Aufgabe politischer Grundsätze lehnte er dagegen entschieden ab.

Während des Zweiten Weltkriegs leistete Heinrich Müller freiwilligen Dienst in der neuseeländischen Landesverteidigung. Nach dem Ende des Krieges setzte er auch sein parteipolitisches Engagement fort. Er trat der New Zealand Labour Party bei und übernahm im Laufe der Jahre verschiedene Funktionen. Mehrere Jahre gehörte er dem Exekutivkomitee seines Wahlkreises an und nahm wiederholt als Delegierter an Parteitagen teil.

Von 1960 bis 1968 war Heinrich Müller Vorsitzender der Labour-Parteiorganisation in Island Bay. Damit nahm er eine verantwortungsvolle Position innerhalb der örtlichen Parteistruktur ein. Über die eigentliche Parteiarbeit hinaus engagierte er sich in Elternvertretungen, Kindergartenausschüssen und weiteren kommunalen Gremien. Sein politisches Wirken in Neuseeland setzte damit die Tradition seines sozialdemokratisch geprägten Elternhauses unter völlig neuen gesellschaftlichen Bedingungen fort.

Neben seinem politischen Engagement verfügte Heinrich Müller über vielfältige kulturelle Interessen. Er war Mitglied der Goethe-Gesellschaft in Neuseeland und sprach neben Deutsch und Englisch auch Italienisch. Seine Italienischkenntnisse gingen vermutlich teilweise auf seine Wanderreisen in den 1920er-Jahren zurück. Zeitweise engagierte er sich im italienischen Kulturverein „Dante Alighieri“ und wirkte als Vermittler zwischen verschiedenen kulturellen Gruppen.

Innerhalb der kleinen Gemeinschaft sudetendeutscher Sozialdemokraten in Neuseeland spielte Heinrich Müller eine zentrale Rolle. Gemeinsam mit früheren Weggefährten wie Franz Thum und Franz Schusser hielt er die Verbindung zur politischen Bewegung seiner Herkunftsregion aufrecht. Er blieb der Seliger-Gemeinde verbunden und stand über Jahrzehnte in Kontakt mit ihren führenden Persönlichkeiten. An mehreren größeren Veranstaltungen der Seliger-Gemeinde nahm er persönlich teil und berichtete dort über das Leben und die Erfahrungen der nach Neuseeland ausgewanderten Sozialdemokraten.

Auch seine Mutter Wilhelmina Müller, geborene Schusser, fand später den Weg nach Neuseeland. Sie lebte in Wellington beziehungsweise in der Umgebung der Hauptstadt, wo ihr Sohn Heinrich mit seiner Familie eine neue Heimat gefunden hatte. Wilhelmina Müller starb 1967 in Wellington. Damit war zumindest ein Teil der durch Flucht und Emigration auseinandergerissenen Familie in Neuseeland wieder vereint.

1965 reiste Heinrich Müller erstmals nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wieder nach Europa. Besonders die demokratische und gesellschaftliche Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland beeindruckte ihn. Nach seiner Rückkehr nach Neuseeland hielt er etwa dreißig Vorträge und Diskussionsveranstaltungen, in denen er seine Eindrücke schilderte und für ein differenziertes Bild des demokratischen Nachkriegsdeutschlands warb.

Gleichzeitig wurde ihm während dieser Reise bewusst, wie sehr Neuseeland inzwischen zu seiner eigentlichen Heimat geworden war. Rückblickend schrieb er, dass er es nie bereut habe, Europa verlassen zu haben. Bereits nach wenigen Wochen seines Aufenthalts in Europa habe er Heimweh nach Neuseeland verspürt.

Ein schwerer persönlicher Einschnitt war der Tod seiner Ehefrau Else im Jahr 1971 in Wellington. Sie hatte mit ihm die Verfolgung in der Tschechoslowakei, die Trennung während seiner Flucht, die unsicheren Monate im britischen Exil und den vollständigen Neuanfang in Neuseeland erlebt. Gemeinsam hatten sie sich dort aus einfachen Verhältnissen eine neue Existenz aufgebaut.

Heinrich Müller blieb auch nach dem Tod seiner Frau politisch und gesellschaftlich interessiert und hielt den Kontakt zu seinen Freunden und Weggefährten in Europa aufrecht. Im Jahr 1977 reiste er erneut nach Deutschland. Während dieses Aufenthalts starb er am 20. November 1977 in Darmstadt. Seine eigentliche Heimat und sein dauerhafter Lebensmittelpunkt waren zu diesem Zeitpunkt jedoch seit fast vier Jahrzehnten Wellington und Neuseeland.

Der Lebensweg Heinrich Müllers jun. steht beispielhaft für eine Generation sudetendeutscher Sozialdemokraten, die durch den Nationalsozialismus aus ihrer Heimat vertrieben wurde und sich auf einem anderen Kontinent eine neue Existenz aufbauen musste. Er verband handwerkliches Können, politische Überzeugungskraft und kulturelle Offenheit. Sowohl in der Tschechoslowakei als auch später in Neuseeland blieb er den Grundwerten der Sozialdemokratie, der Demokratie und der gesellschaftlichen Mitverantwortung verpflichtet.

Seine Biografie ist zugleich Teil einer über mehrere Generationen und Kontinente reichenden Familiengeschichte. Sein Vater Heinrich Müller sen. gehörte als Abgeordneter, Senator und Vorsitzender des ATUS zu den führenden Vertretern der sudetendeutschen Arbeiterbewegung. Heinrich Müller jun. führte diese politische Tradition in der neuseeländischen Labour Party fort. Der Weg der Familie führte von Aussig über Großbritannien bis nach Wellington und machte sie zu einem Beispiel dafür, wie politische Überzeugungen trotz Verfolgung, Flucht und dauerhafter Entwurzelung bewahrt und unter neuen gesellschaftlichen Bedingungen weitergelebt werden konnten.

 
 

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