75 Jahre Seliger-Gemeinde

Veröffentlicht am 07.08.2026 in Allgemein

Festakt Brannenburg - Patrik Eichler: Eine politische Familie und die Sehnsucht nach Gemeinschaft

Mit einer eindringlichen und sehr gegenwärtigen Rede machte Patrik Eichler, Geschäftsführer der Demokratischen Masaryk-Akademie in Prag, deutlich, wie eng Geschichte und Gegenwart miteinander verbunden sind.

Die Seliger-Gemeinde habe den vertriebenen sudetendeutschen Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten nach dem Krieg nicht nur eine Organisation geboten. Sie sei zu einer neuen politischen Familie geworden.

Nach dem Verlust der Heimat, nach Flucht, Vertreibung und politischer Entwurzelung habe sie Gemeinschaft, Orientierung und ein gemeinsames Dach geschaffen. Diese Erfahrung sei von kaum zu überschätzender Bedeutung gewesen.

Ganz anders habe sich die Lage in der Tschechoslowakei entwickelt. Dort habe die eigenständige Sozialdemokratie nach der kommunistischen Machtübernahme aufgehört zu existieren. Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten hätten zwar in Gewerkschaften, Verbänden und anderen Organisationen weitergewirkt, doch das gemeinsame politische Dach sei verschwunden.

Nach 1989 habe sich die Sozialdemokratie in Tschechien, wie in weiten Teilen Mittel- und Osteuropas, neu erfinden müssen. Zunächst habe es große Hoffnungen, Wahlerfolge und Regierungsbeteiligungen gegeben. Doch diese Erfolge hätten keinen dauerhaften Bestand gehabt. Spaltungen, politische Fehler und ein dramatischer Bedeutungsverlust hätten die Partei an den Rand des politischen Aus geführt.

Heute stehe die tschechische Sozialdemokratie deshalb nicht einfach vor einer organisatorischen Erneuerung, sondern vor einer politischen Neugründung.

Eichler beließ es jedoch nicht bei einer Analyse seiner Partei. Er richtete den Blick auf den Zustand der gesamten Gesellschaft.

Eine Demokratie dürfe sich nicht darauf beschränken, Wahlen abzuhalten. Sie müsse auch rücksichtsvoll mit Minderheiten und mit ihren Bürgerinnen und Bürgern umgehen. Wo Menschen sich alleingelassen fühlten, wo jeder nur noch für sich selbst kämpfen müsse und gesellschaftliche Solidarität verloren gehe, werde auch die Demokratie schwächer.

Eichler kritisierte ein neoliberales Denken, das den Menschen einrede, jeder sei allein für sein Schicksal verantwortlich. Das Ergebnis seien Unsicherheit, Einsamkeit und gesellschaftliche Vereinzelung.

Nicht jeder Mensch könne sich selbst „aus dem Sumpf ziehen“. Eine solidarische Gesellschaft müsse Schutz geben, Sicherheit vermitteln und Menschen in die Lage versetzen, ihr Leben gemeinsam mit anderen zu gestalten.

Gerade deshalb seien der europäische Zusammenhalt und die Zusammenarbeit über Grenzen hinweg so wichtig. Eichler erinnerte an die engen Kontakte zwischen bayerischen und tschechischen Sozialdemokraten nach der politischen Wende, besonders unter Volkmar Gabert.

Diese Beziehungen seien nicht immer einfach gewesen. Doch sie hätten entscheidend dazu beigetragen, aus jahrzehntelanger Entfremdung eine gute deutsch-tschechische Nachbarschaft entstehen zu lassen.

Was damals aufgebaut worden sei, sei heute ein Gewinn für Bayern, Tschechien und ganz Europa. Eichler übermittelte zugleich die Grüße des früheren tschechischen Ministerpräsidenten Vladimír Špidla.

Seine Rede gehörte zu den nachdenklichsten Momenten des Festakts. Sie zeigte, dass die Seliger-Gemeinde nicht nur eine Erinnerungsgemeinschaft ist. Ihre Erfahrungen können auch Antwort auf eine der großen Fragen unserer Gegenwart geben: Wie schaffen wir wieder Zusammenhalt in einer Gesellschaft, in der sich immer mehr Menschen alleingelassen fühlen?

 
 

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