Studienfahrt 2026

Veröffentlicht am 29.08.2026 in Allgemein

Prag – Zwischen Parteitag, Stadion und Fluchthilfe

Der traditionelle Freitagsspaziergang bei unserer Studienfahrt führte die Gruppe zu bekannten und neuen Orten sozialdemokratischer Geschichte in Prag.

Nach dem Besuch des Neuen Jüdischen Friedhofs machten wir uns mit Thomas Oellermann auf zu einem Programmpunkt, der inzwischen zur festen Tradition der Prager Studienfahrten der Seliger-Gemeinde gehört: Prag zu Fuß und mit öffentlichen Verkehrsmitteln aus einer Perspektive kennenzulernen, die im normalen touristischen Programm kaum vorkommt.

Bereits zum fünften Mal führte eine Studienfahrt der Seliger-Gemeinde in die tschechische Hauptstadt. Dabei ist in den vergangenen Jahren ein immer dichteres Netz von Orten entstanden, an denen sich die Geschichte der deutschen und tschechischen Sozialdemokratie, der Arbeiterbewegung, des Exils und der Fluchthilfe ablesen lässt.

Manche Stationen waren von früheren Fahrten bereits bekannt, andere kamen diesmal neu hinzu.

Wo deutsche und tschechische Sozialdemokraten gemeinsam tagten

Národní dům na Vinohradech - náměstí Míru 9, Praha 2

Den Anfang machte das Národní dům auf den Weinbergen. Das repräsentative Gesellschaftshaus war 1926 Schauplatz eines außergewöhnlichen politischen Ereignisses: Hier kamen deutsche und tschechische Sozialdemokraten zu einem gemeinsamen Parteitag zusammen.

Es blieb der erste und zugleich einzige gemeinsame Parteitag beider sozialdemokratischer Parteien in der Tschechoslowakei. Gerade deshalb steht dieser Ort für einen bemerkenswerten Versuch, trotz unterschiedlicher nationaler Organisationsstrukturen gemeinsame politische Interessen in den Mittelpunkt zu stellen. Heute ist das Haus eine Event-Lokation.

Die Dimension der Arbeiter-Sportbewegung

Velký strahovský stadion - Vaníčkova, Praha 6-Strahov

Weiter ging es hinauf auf den Strahov zum ehemaligen ATUS-Stadion. Bereits bei einer früheren Studienfahrt hatte die Gruppe die gewaltige Anlage, die Platz für 250.000 Zuschauer bot, besucht. Diesmal ergab sich jedoch eine neue Möglichkeit: Von der renovierten Tribüne aus konnte erstmals der riesige Innenraum des Stadions eingesehen werden.

Erst aus dieser Perspektive wird die Dimension des Bauwerks wirklich begreifbar. Für die Seliger-Gemeinde erinnert der Ort zugleich an die große Bedeutung des Arbeiter-Turn- und Sportwesens. Sport war in der sozialdemokratischen Bewegung weit mehr als Freizeitbeschäftigung: Er verband körperliche Betätigung mit Gemeinschaft, Bildung und gesellschaftlicher Teilhabe. Und Thomas Oellermann zeigte sich überzeugt: beim Sportfest 1934 war Franz Mykura dabei!

Wo die tschechische Sozialdemokratie begann

Kaštan - Bělohorská 201/150, Praha 6-Břevnov

Nächste Station war das Gasthaus U Kaštanu. Hier trafen sich am 7. April 1878 Vertreter der tschechischen Arbeiterbewegung und gründeten die Sozialdemokratische Partei der Tschechoslowaken in Österreich-Ungarn. Damit gehört das Kaštan zu den wichtigsten historischen Orten der tschechischen Sozialdemokratie. Dass eine der ältesten politischen Parteien der böhmischen Länder ausgerechnet in einem Gasthaus ihren Anfang nahm, gehört zu jenen kleinen historischen Details, die solche Spaziergänge besonders anschaulich machen.

Bei Wenzel Jaksch zu Hause

Heřmanova, Praha 7-Holešovice

Eine bereits bekannte Station war das frühere Wohnhaus Wenzel Jakschs in der Heřmanova-Straße.

Jaksch lebte hier in den Jahren, in denen er zunächst als Redakteur des „Sozialdemokrat“ arbeitete und später in die Führung der DSAP aufstieg. 1938 wurde er Vorsitzender der Partei. Bei früheren Studienfahrten war das Haus bereits ausführlicher thematisiert worden. Gerade solche wiederkehrenden Stationen zeigen, wie aus einer historischen Adresse mit der Zeit ein vertrauter Erinnerungsort wird.

Bubny – diesmal neu auf der Route

Praha-Bubny - Praha 7-Holešovice

Der historische Bahnhof ist eng mit der Geschichte der Shoah verbunden. Von hier wurden während der deutschen Besatzung zehntausende Menschen deportiert. Das alte Bahnhofsgebäude wird heute zu einem Zentrum für Erinnerung und Dialog umgebaut. Die Arbeiten schreiten sichtbar voran; künftig soll hier eine neue Ausstellung an die Deportationen und die Geschichte des Ortes erinnern - z.Z weißt nur das Denkmal „Tor ohne Wiederkehr“ (Brána nenávratna) auf diese Geschichte hin.

Gleichzeitig entsteht rund um Bubny ein vollkommen neues Bahnhofs- und Stadtquartier. Gerade diese unmittelbare Nachbarschaft von historischem Erinnerungsort und moderner Stadtentwicklung machte den Besuch besonders eindrucksvoll.

„Klein-Berlin“

U Smaltovny 20/22 und Umgebung - Praha 7-Holešovice

Fast unmittelbar gegenüber liegt das sogenannte „Klein-Berlin“.

Der Name verweist auf einen Wohnkomplex und ein Quartier, das in der Zwischenkriegszeit stark vom deutschsprachigen Prag geprägt war. Auch architektonisch erinnert die Anlage an großstädtischen Wohnungsbau jener Jahre in Berlin – der Block besteht nicht aus mehreren Einzelhäusern, wie in Prag üblich, sondern nach Berliner Muster aus einem Block.

Der kurze Abstecher zeigte einmal mehr, wie viele Spuren des deutschsprachigen Prag bis heute im Stadtbild vorhanden sind – oft ohne auf den ersten Blick aufzufallen.

Auf der Nicholas-Winton-Straße

ulice Nicholase Wintona - Praha 7-Holešovice

Ebenfalls neu war die Nicholas-Winton-Straße, die unter den neuen Bahnanlagen durch Bubny führt.

Eine der Unterführungen wurde mit Motiven gestaltet, die an Nicholas Winton und die von ihm geretteten Kinder erinnern. Damit ist hier ein neuer Erinnerungsort entstanden, der nicht als klassisches Denkmal daherkommt, sondern mitten in einen alltäglichen Fuß- und Verkehrsweg integriert ist.

Blick von oben

Neuer Bahnhof Praha-Bubny

Von der Aussichtsplattform des neuen Bahnhofs bot sich schließlich ein weiter Blick über das sich vollkommen verändernde Bahngelände. Gerade von hier wurde sichtbar, wie eng Vergangenheit und Gegenwart in Bubny nebeneinanderliegen: der historische Deportationsbahnhof, neue Gleise und Bahnsteige, das entstehende Stadtquartier und neue Formen des Erinnerns.

Wo 1938 um Visa und Fluchtmöglichkeiten gerungen wurde

Ve Smečkách 599/29, Praha 1

Von Bubny führte der Weg zurück in die Innenstadt – zu einem Ort, der unmittelbar mit der Geschichte der DSAP nach dem Münchner Abkommen verbunden ist.

In der Ve Smečkách 599/29 befand sich 1938 die Auswanderungsstelle der DSAP. Hier wurde unter Hochdruck versucht, bedrohte Sozialdemokraten aus den besetzten Sudetengebieten zu registrieren, mit Papieren zu versorgen und Möglichkeiten zur Flucht zu organisieren. Auch Olga Sippl arbeitete hier mit. Zeitzeugen berichteten von langen Schlangen Hilfesuchender, die zeitweise weit in Richtung Wenzelsplatz reichten. Heute erinnert äußerlich kaum noch etwas daran, welche Schicksale sich damals an dieser Adresse entschieden.

Doreen Warriner und das Hotel Alcron

Hotel Alcron - Štěpánská 623/40, Praha 1

Von hier aus organisierte Doreen Warriner 1938 und 1939 Hilfe für politisch und rassistisch Verfolgte. Für viele sudetendeutsche Sozialdemokraten wurde diese Unterstützung lebenswichtig.

Seit 2019 erinnerte am Hotel eine Gedenktafel an Warriner. Beim diesjährigen Besuch fehlte sie jedoch: Die Tafel war vor einiger Zeit vom Gebäude abgefallen und ist seither verschollen. So wurde ausgerechnet an einem Erinnerungsort sichtbar, wie schnell auch jüngere Zeichen des Gedenkens wieder verloren gehen können.

Ein Baum, zu dem man zurückkehrt

Willy-Brandt-Park - Praha 6-Bubeneč

Auch ein inzwischen eigener Erinnerungsort der Seliger-Gemeinde gehörte zum Spaziergang: der Willy-Brandt-Park.

Hier hatte die Seliger-Gemeinde bei der Studienfahrt 2024 eine Baumpatenschaft übernommen. Der Baum erinnert an Wenzel Jaksch und Josef Hofbauer, zwei eng miteinander verbundene Persönlichkeiten der sudetendeutschen Sozialdemokratie.

Zwei Jahre später führte der Weg erneut dorthin. Diesmal galt es ganz praktisch, nach dem Baum zu sehen – und ihn angesichts des sommerlichen Wetters kräftig zu gießen. Aus einer einmaligen Aktion ist damit ein Ort geworden, zu dem die Seliger-Gemeinde regelmäßig zurückkehrt.

Mit besonderem Interesse verfolgten die Mitglieder der Familie Mykura/Paterson aus Schottland den Rundgang. Für sie verbanden sich die historischen Orte immer wieder mit der eigenen Spurensuche nach den böhmischen Wurzeln ihrer Familie.

 
 

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