
Was nach 1930 geschah
Vom „roten Böhmerwald“ zu Flucht, Krieg und Vertreibung
Franz Kuplents Bildergeschichte endet 1930. Um in ihrer Tradition zu bleiben, setzen wir sie mit einer eigenen, bewusst an seiner Bildsprache orientierten Reihe fort. Denn die Geschichte des sozialdemokratischen Böhmerwaldes war 1930 keineswegs zu Ende – die folgenden acht Jahre sollten jedoch vieles zerstören, was über Jahrzehnte gewachsen war.
Zunächst traf die Weltwirtschaftskrise die ohnehin arme Waldregion hart. Dabei fehlte es nicht an Holz. Das Problem waren Absatz und Preise: Der Einschlag wurde eingeschränkt, Verdienstmöglichkeiten brachen weg, viele Familien gerieten zusätzlich unter Druck. Zeitgenössische Berichte bezeichneten Teile des Böhmerwaldes bereits 1932 als Notstandsgebiet.
In dieser Situation blieb die DSAP mehr als eine Partei. Gewerkschaften, Arbeitervereine, Genossenschaften und Bildungsarbeit gaben vielen Familien Halt. Forstarbeiter, kleine Pächter, Kleinbauern und Arbeiterfamilien lebten in eng miteinander verbundenen sozialen Milieus. Der „rote Böhmerwald“ war deshalb keine Erscheinung der dreißiger Jahre, sondern Ergebnis einer bereits seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert gewachsenen politischen Tradition.
Nach 1933 rückte neben der sozialen Frage zunehmend die Verteidigung der demokratischen Republik in den Mittelpunkt. Gleichzeitig gewann Konrad Henleins Bewegung an Einfluss und veränderte die Kräfteverhältnisse auch in Orten, die lange sozialdemokratisch geprägt gewesen waren. Die DSAP versuchte, ihr Milieu zusammenzuhalten und an ihrer demokratischen Haltung festzuhalten.
Wie ernst die Lage geworden war, zeigt besonders der 1. Mai 1938. Die von Josef und Franz Seidel überlieferte Bildserie aus Krumau zeigt noch einmal einen eindrucksvollen Aufmarsch mit Fahnen, Musik und Transparenten. „Für Freiheit und Brot!“ und „Weg mit dem Henleinfaschismus!“ lauteten die Botschaften. Ernst Paul forderte zur Maifeier 1938, „festzubleiben und standzuhalten“, Wenzel Jaksch beschwor die Widerstandskraft der demokratischen Bewegung.
Doch schon vor dem Einmarsch der Wehrmacht begann die Flucht gefährdeter Sozialdemokraten aus den deutschen Grenzgebieten in das tschechische Landesinnere. Wer konnte, versuchte von dort weiter ins Exil zu gelangen. Mit der Besetzung im Oktober 1938 begann die offene Verfolgung. Funktionäre und bekannte Gegner des Nationalsozialismus wurden verhaftet, viele kamen in Gefängnisse und Konzentrationslager. Die öffentliche Geschichte der DSAP im Böhmerwald war damit beendet.
Was folgte, war nicht mehr Parteigeschichte, sondern die Geschichte der Menschen, die aus diesem Milieu hervorgegangen waren: Exil, Verfolgung, Gefängnis, Konzentrationslager, Einberufung und Krieg. Der Zweite Weltkrieg brachte Tod, Entbehrung und Zerstörung in zahllose Familien.
Auch 1945 bedeutete keinen einfachen Neubeginn. Mit der Vertreibung der deutschen Bevölkerung wurde die über Generationen gewachsene soziale Welt des deutschen Böhmerwaldes auseinandergerissen. Dörfer verloren einen großen Teil ihrer Bewohner, Familien wurden zerstreut, Vereine und politische Milieus verschwanden.
Unsere Fortsetzung von Kuplents Bildergeschichte endet deshalb nicht mit einem neuen politischen Sieg, sondern mit einem tiefen Bruch. Der „rote Böhmerwald“ verschwand nicht, weil seine Geschichte bedeutungslos geworden wäre – sondern weil die Welt, in der er entstanden war, zwischen Diktatur, Krieg und Vertreibung unterging.