seliger-online 22.09.2026

Veröffentlicht am 24.09.2026 in Allgemein

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Wenzel Jaksch – Politiker, Journalist und ein Mensch, der seine Heimat nie vergaß

Rund 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren der Einladung zu einer besonderen Ausgabe von „seliger-online“ gefolgt, die 130 Jahre nach seiner Geburt und 60 Jahre nach seinem Tod an Wenzel Jaksch erinnerte. Der letzte Vorsitzende der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (DSAP) und spätere Vorsitzende der Seliger-Gemeinde wurde dabei nicht nur als Politiker sichtbar. Persönliche Erinnerungen seines Sohnes George Jaksch und Auszüge aus seinen Sozialreportagen zeichneten ein vielschichtiges Bild.

Christa Naaß, Ko-Bundesvorsitzende der Seliger-Gemeinde, erinnerte zu Beginn an die beiden Gedenktage des Jahres 2026: Am 25. September jährte sich Jakschs Geburtstag zum 130. Mal, am 27. November liegt sein Tod 60 Jahre zurück. Die Seliger-Gemeinde nimmt beide Daten zum Anlass für weitere Gedenkveranstaltungen in Wiesbaden und Wien.

Ulrich Miksch zeichnete anschließend Jakschs Weg vom Böhmerwald über Wien und die sudetendeutsche Sozialdemokratie bis ins Londoner Exil und schließlich in die Bundesrepublik nach. Dabei verwies er besonders auf die personelle Kontinuität zwischen DSAP und Seliger-Gemeinde: Im März 1938 war Jaksch zum letzten Vorsitzenden der DSAP gewählt worden, 1951 übernahm er den Vorsitz der neu gegründeten Seliger-Gemeinde und behielt ihn bis zu seinem Tod 1966.

Doch der Abend zeigte auch einen anderen Wenzel Jaksch: den Journalisten. Lange bevor er zu einem der führenden Politiker der deutschen Sozialdemokratie in der Tschechoslowakei wurde, arbeitete Jaksch als Redakteur. Über Komotau kam er 1924 in die Prager Zentralredaktion des „Sozialdemokrat“. Aus dieser Zeit stammen eindringliche Sozialreportagen über Armut, Wohnungsnot und die Lebensbedingungen der Arbeiterschaft.

Besonders eindrucksvoll wurde dies bei Mikschs Lesung aus einer Reportage über Teplitz-Schönau aus dem Jahr 1926. Jaksch schildert darin zunächst die Schönheit der Kurstadt – Parks, Theater, Kirchen und die Kulisse des Erzgebirges. Wenige Straßen weiter begegnet ihm jedoch eine völlig andere Welt: überfüllte, feuchte und dunkle Wohnungen, Krankheit und Familien, die unter menschenunwürdigen Bedingungen leben mussten.

Gerade dieser Kontrast macht die Reportage bis heute bemerkenswert. Jaksch stellt dem Wohlstand der Kurgäste die Lebensbedingungen der Arbeiter gegenüber, die nach seiner Beobachtung den wirtschaftlichen Reichtum der Stadt mit erarbeiteten, selbst aber unter Wohnungsnot und Krankheit litten. Die Passage zeigte eindrucksvoll, dass Jaksch nicht erst als Parteivorsitzender politische Positionen formulierte, sondern bereits als Journalist soziale Verhältnisse genau beobachtete und öffentlich machte.

Den persönlichsten Moment des Abends brachte George Jaksch ein. Er erinnerte sich daran, wie stark sein Vater noch Jahrzehnte nach Flucht und Exil unter dem Verlust der böhmischen Heimat litt. Nach außen sei das kaum sichtbar gewesen. Zu Hause habe sein Vater jedoch immer wieder Lieder aus seiner Heimat gehört und dabei still und tief bewegt an Landschaften, Freunde und sein früheres Leben gedacht. „Der Verlust der Heimat hat ihn sein ganzes Leben lang geprägt“, erinnerte sich George Jaksch.

Mit dieser Erinnerung verband sich eine kleine Geschichte aus Jakschs Jugend. Als George seinem Vater erzählte, nachts durch den Wald gehen zu wollen, berichtete dieser von eigenen nächtlichen Wegen über die neue österreichisch-tschechoslowakische Grenze nach dem Ersten Weltkrieg. Sein Rat an den Sohn: Im Dunkeln nicht auf den Weg schauen, sondern nach oben – an den Baumwipfeln lasse sich erkennen, wohin der Weg führe.

George Jaksch erinnerte zudem an die prägende Bedeutung des britischen Exils. Sein Vater habe in England nicht nur politische Kontakte geknüpft und Freundschaften zu britischen Sozialdemokraten aufgebaut, sondern auch Englisch gelernt. Diese Fähigkeit habe ihm später Kontakte nach Großbritannien und in die USA eröffnet und seinen Blick auf die angelsächsische politische Kultur erweitert.

Für eine Überraschung sorgte am Ende des Abends die Schauspielerin Markéta Richterová: Sie berichtete von einem neuen Theaterprojekt über Wenzel Jaksch, das seinen Lebensweg, seine politischen Überzeugungen und dramatische Stationen wie Flucht und Exil auf die Bühne bringen soll. Weitere Einzelheiten dazu sollen noch folgen.

So entstand bei „seliger-online“ kein Denkmal aus feststehenden Daten, sondern ein facettenreiches Bild: Wenzel Jaksch als Arbeiterkind aus dem Böhmerwald, Journalist und Sozialreporter, DSAP-Vorsitzender, Exilpolitiker, Bundestagsabgeordneter und Vorsitzender der Seliger-Gemeinde – aber auch als Vater und als Mensch, der den Verlust seiner Heimat offenbar nie vollständig überwunden hat.

Gerade die Verbindung dieser unterschiedlichen Perspektiven machte den Abend besonders. Hinter dem bekannten Politiker wurde ein Mann sichtbar, dessen politische Arbeit eng mit eigenen Erfahrungen von sozialer Ungleichheit, Grenzziehungen, Verfolgung, Flucht und Heimatverlust verbunden war.

 
 

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