
Ladislav Helsner und Rainer Pasta im Gespräch vor dem Selbstportrait Wilhelm Hagers in der Villa Becher in Karlsbad
Ein Haus in Karlsbad verbindet Ladislav Helsner mit Olga Sippl
Wie aus einer persönlichen Begegnung neue Forschungen zur Geschichte der sudetendeutschen Sozialdemokratie entstanden
Manchmal führen persönliche Erinnerungen zu überraschenden historischen Entdeckungen. So auch bei einem Gespräch am Rande der Wilhelm-Hager-Ausstellung in Karlsbad. Bundesgeschäftsführer Rainer Pasta traf dort mit dem Initiator der Ausstellung, Ladislav Helsner, zusammen. Schnell entwickelte sich ein Gespräch über die sozialdemokratische Geschichte Karlsbads, die Seliger-Gemeinde und eine Frau, die diese Geschichte über Jahrzehnte mitgeprägt hatte: Olga Sippl.
Besonders bemerkenswert ist die persönliche Geschichte Ladislav Helsners. Der gebürtige Karlsbader wuchs von 1949 bis 1969 in einem Gebäude im Stadtteil Donitz auf, dessen Vergangenheit ihm erst später in ihrer ganzen Bedeutung bewusst wurde. Denn dort befand sich einst die Druckerei Graphia, in der unter anderem die sozialdemokratische Zeitung „Volkswille“ hergestellt wurde. Die Druckerei spielte auch für den publizistischen Widerstand der deutschen Sozialdemokraten gegen den Nationalsozialismus eine wichtige Rolle.
1969 endete Helsners Zeit in diesem Gebäude. Nach seiner Flucht aus der Tschechoslowakei baute er sich in Deutschland eine neue Existenz auf. Die Geschichte seiner Heimatstadt ließ ihn jedoch nicht los. Seit Jahren beschäftigt er sich mit der Erforschung der Karlsbader Stadtgeschichte und besonders mit dem Stadtteil Donitz, dem heutigen Tuhnice.
Eine besondere Bedeutung erhielt diese Beschäftigung durch seine Begegnung mit Olga Sippl im Jahr 2023 in München. Die damals bereits 103-Jährige hatte als junge Frau selbst in der Karlsbader Druckerei Graphia gearbeitet. Im Gespräch mit ihr begegnete Helsner einer Zeitzeugin, die die Geschichte dieses Hauses und des sozialdemokratischen Karlsbads noch persönlich erlebt hatte.
Aus dieser Begegnung entstanden weitere Nachforschungen. Im Juli 2026 veröffentlichte Helsner im tschechischen Geschichtsmagazin „Paměť národa“ einen Beitrag über die Druckerei Graphia und ihren Beitrag zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Darin dokumentiert er auch die Tätigkeit der jungen Olga Sippl und die Bedeutung der Druckerei für die deutsche sozialdemokratische Bewegung in der Tschechoslowakei.
Olga Sippl gehörte nach Krieg und Vertreibung zu jenen Persönlichkeiten, die die Tradition der sudetendeutschen Sozialdemokratie in Deutschland weitertrugen. Sie war Gründungsmitglied der Seliger-Gemeinde und blieb ihr über Jahrzehnte eng verbunden. Dass ausgerechnet ein Bewohner des früheren Graphia-Gebäudes Jahrzehnte später mit ihr zusammentraf, ist eine bemerkenswerte Verbindung zweier Lebensgeschichten.
Für die Seliger-Gemeinde eröffnet das Gespräch neue Perspektiven. Die Geschichte der Karlsbader Sozialdemokratie, ihrer Presse und ihrer Persönlichkeiten ist auch ein wesentlicher Teil der eigenen Geschichte. Die Begegnung mit Ladislav Helsner zeigt, dass sich selbst acht Jahrzehnte nach Krieg und Vertreibung noch neue Zusammenhänge entdecken und persönliche Erinnerungen für die historische Forschung erschließen lassen.