Theaterstück über Wenzel Jaksch

Veröffentlicht am 29.10.2026 in Allgemein

Foto: Szenen aus „Ztracené domovy – Verlorene Heimaten“, Divadlo Feste, Prag, 28. Oktober 2026

Wenn Geschichte lebendig wird: Wenzel Jaksch auf der Prager Bühne

„Verlorene Heimaten“: Eine eindrucksvolle Premiere des Brünner Divadlo Feste in Prag

Ein kleiner Kellerraum, wenige Stühle, ein gedeckter Tisch und eine Schreibmaschine: Mehr braucht es nicht, um eine der dramatischsten Fluchtgeschichten des Jahres 1939 lebendig werden zu lassen. Mit „Ztracené domovy – Verlorene Heimaten“ brachte das Brünner Divadlo Feste am 28. Oktober die Lebensgeschichte des sudetendeutschen Sozialdemokraten Wenzel Jaksch in der Prager Galerie Langhans auf die Bühne.

Zunächst herrscht Dunkelheit. Eine Stimme wirft einzelne Worte in den Raum: Flucht, Angst, Heimat. Unmittelbar folgen die tschechischen Übersetzungen. Dann geht das Licht an, und das Publikum befindet sich mitten in einer Geschichte von Verfolgung, Widerstand und verlorener Heimat.

Die Bühne ist ungewöhnlich: Zwei gegenüberliegende Stuhlreihen, etwa zwei Meter voneinander entfernt. Dazwischen spielen Markéta Richterová und Juraj Bartoň, während Regisseur Jiří Honzírek als Erzähler und Kommentator durch die Lebensgeschichte führt. Immer wieder nehmen die Darsteller auch mitten im Publikum Platz.

Geschichte wird zum unmittelbaren Erlebnis

Im Mittelpunkt steht Jakschs abenteuerliche Flucht im März 1939. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Prag entkam der Vorsitzende der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei als Handwerker verkleidet aus der britischen Gesandtschaft. Anschließend gelang ihm mit einer kleinen Gruppe die Flucht auf Skiern über die verschneiten Beskiden nach Polen.

Was sich wie ein Abenteuerroman liest, verwandelt die Inszenierung in ein intensives Theatererlebnis. Angst, Erschöpfung und Verzweiflung werden ebenso spürbar wie Hoffnung und Erleichterung. Szenische Verkleidungen – Jaksch als Arbeiter, später als Skifahrer – verdeutlichen die einzelnen Stationen.

Fast beiläufig erfährt das Publikum, wie sehr das Gelingen der Flucht von glücklichen Umständen und mutigen Helfern abhing. Außergewöhnlich viel Schnee im März, ortskundige Bergführer, die von Baude zu Baude führten, und weitere, meist namenlos bleibende Begleiter machten das Entkommen möglich. Jeder falsche Schritt hätte das Unternehmen scheitern lassen können.

Besonders eindrucksvoll gelingt die Darstellung der Skifahrt durch das winterliche Gebirge. Mit Bewegung, sparsamsten Requisiten und einem wirkungsvollen Spiel von Licht und Dunkelheit entsteht eine beklemmende Atmosphäre. Die Zuschauer erleben die Ereignisse aus nächster Nähe, manchmal nur einen Schritt von den Schauspielern entfernt.

Eine Lebensgeschichte zwischen den Szenen

Die Flucht bildet den roten Faden. Dazwischen öffnet der Erzähler den Blick auf Jakschs Jugend in Armut, seine Begegnung mit der Sozialdemokratie in Wien, seine journalistische und politische Tätigkeit sowie die schwierigen Beziehungen zu Edvard Beneš im Londoner Exil.

Das Klappern der Schreibmaschine verstärkt den Eindruck einer historischen Reportage. Auch die Rettungsaktionen von Doreen Warriner und Nicholas Winton werden aufgegriffen. Sie erinnern daran, dass Jaksch nicht nur selbst verfolgt wurde, sondern sich auch für die Rettung anderer Menschen einsetzte.

Bemerkenswert ist die zweisprachige Gestaltung. Deutsch und Tschechisch wechseln sich selbstverständlich ab. Selbst Besucher ohne besondere Vorkenntnisse bestätigten, dass sie der Handlung gut folgen konnten. So wird die komplexe Geschichte auch einem neuen Publikum zugänglich.

Dass diese ungewöhnliche Inszenierung so eindrucksvoll gelingt, ist nicht zuletzt das Verdienst von Markéta Richterová und Juraj Bartoň (Wenzel Jaksch). Mit großer Präsenz, überzeugendem Zusammenspiel und bemerkenswerter Wandlungsfähigkeit tragen sie die wechselnden Szenen. Jiří Honzírek gelingt als Regisseur und zugleich mitwirkender Erzähler die anspruchsvolle Verbindung von dramatischem Schauspiel und historischer Dokumentation.

Vom Theater zur gemeinsamen Erinnerung

Die vielleicht überraschendste Szene erwartet die Zuschauer am Schluss. Der gedeckte Esstisch wandert mitten zwischen die Stuhlreihen. Die Schauspieler nehmen beim Publikum Platz und laden zum Zugreifen und Erzählen ein: Was wissen die Anwesenden selbst über Wenzel Jaksch?

Aus der Aufführung wird ein gemeinsames Gespräch. Für die Vertreter der Seliger-Gemeinde, deren Geschichte eng mit Jaksch verbunden ist, gab es reichlich Gelegenheit, eigene Kenntnisse einzubringen. Unter den Besuchern waren der Historiker Jan Císař sowie die SG-Präsidiumsmitglieder Dr. Thomas Oellermann und Ulrich Miksch und Bundesgeschäftsführer Rainer Pasta.

Große Wirkung auf kleinstem Raum

Die Inszenierung verzichtet auf große Effekte und vertraut auf die Ausdruckskraft ihrer Darsteller und die unmittelbare Nähe zum Publikum. Gerade das wirft allerdings eine Frage auf: Lässt sich diese intensive Atmosphäre auch in einem größeren Raum mit mehr Zuschauern herstellen? Oder lebt das Stück gerade von seinem beinahe intimen Charakter?

Seine besondere Leistung liegt nicht allein in der Vermittlung historischer Fakten. Das Theater macht erfahrbar, was hinter den Daten einer Biografie steht: Angst, Ungewissheit, Hoffnung und den Schmerz über den Verlust der Heimat.

Dass eine tschechisch-deutsche Produktion gerade in Prag an Wenzel Jaksch erinnert, besitzt besondere historische Bedeutung. Hier musste er 1939 vor den Nationalsozialisten fliehen. 87 Jahre später kehrt seine Geschichte auf eine Prager Bühne zurück.

Ein bewegender, anregender und erkenntnisreicher Abend, der zeigt, wie lebendig historische Erinnerung sein kann – und wie viel Theater mit erstaunlich wenigen Mitteln zu erzählen vermag.

 
 

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