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In der Abendschule vom 11. März 2025 zu den Grundlagen der Geschichte der sudetendeutschen Sozialdemokratie ging Dr. Thomas Oellermann auf sudetendeutsche Sozialdemokraten in Ostdeutschland ein.
Unter den 4,3 Millionen deutschen Vertriebenen und Flüchtlinge, die nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) gelandet und dann in der DDR, in den heutigen fünf Bundesländern Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen sowie Ost-Berlin, ihr Leben verbracht haben, waren auch sudetendeutsche Sozialdemokraten. Thomas Oellermann stellte in seinem Beitrag zur Abendschule einige dieser Personen vor.
In ihrer großen Mehrheit gelangten sudetendeutsche Sozialdemokraten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nach Westdeutschland. Vor allem in Bayern wurden viele von ihnen angesiedelt. Und es inzwischen auch bekannt, dass viele Ortsvereine der bayerischen SPD erst durch die Ankunft der sudetendeutschen Genossen entstanden.
Eine kleinere Gruppe von sudetendeutschen Sozialdemokraten gelangte allerdings auch nach Ostdeutschland, in die Sowjetische Besatzungszone (SBZ). Einige wurden im Zuge der sog. wilden Vertreibung von Nordböhmen nach Sachsen vertrieben. Es kamen aber auch im Rahmen der organisierten Aussiedlung Sozialdemokraten in den Osten Deutschlands.
Ernst Gut stammte aus Leitmeritz und war später stellv. Vorsitzender der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (DSAP) in Bodenbach. Im Zuge der Vertreibung kam er in die Sowjetische Besatzungszone, floh aber 1950 nach Westdeutschland und wurde in West-Berlin zu einem der Mitbegründer der Seliger-Gemeinde.
Franz Habel war Elektriker und arbeitete später für die Aussiger Bezirkskrankenkasse. In Marschen stand er der Sozialdemokratischen Partei vor. 1955 floh er aus Ost- nach Westdeutschland. Er starb 1964 in Wiesbaden-Dotzheim.
Friedrich Schlagner (1892-1964), wurde 1892 in Kerndorf geboren. Er arbeitete als Sekretär seiner Heimatgemeinde und zog für die Sozialdemokratie in den Stadtrat ein. Im Zweiten Weltkrieg wurde er zur Wehrmacht eingezogen. Nach dem Krieg wurde er in die Sowjetische Besatzungszone vertrieben. Er ging später nach Westdeutschland und starb 1964 in Schöppingen.
Karl Heinz Podzimek wurde 1895 geboren. Er war Vorsitzender Bodenbacher Konsumvereins und engagierte sich auch in der Arbeiterfürsorge. Er gehörte dem Vorstand der Partei im Kreis Aussig-Bodenbach-Warnsdorf an. Zudem war er Mitglied im Aufsichtsrat der Großhandelseinkaufsgenossenschaft (GEC) mit Sitz in Prag. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er nach Zwickau vertrieben. 1948 wurde er verhaftet und zu 5 Jahren Gefängnis verurteilt. Er floh dann nach Westdeutschland und lebte später in Wien.
Ernst Plaschke (1906-1988), wurde 1906 in Neudörfel bei Aussig geboren. Er war Maurer und aktives Mitglied der Sozialdemokratie. 1938 wurde er verhaftet und über das Polizeigefängnis Dresden in die Konzentrationslager Dachau und Buchenwald verschleppt. 1945 kehrte er in die Tschechoslowakei zurück und wurde dann nach Ostdeutschland vertrieben. Er arbeitete für die Stadt Weimar und wurde dann zum Leiter der Abteilung ländliches Bauwesen im Ministerium für Aufbau der DDR. Später bekleidete im selben Haus die Funktion eines Hauptreferenten. Plaschke war 1946 Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands geworden, was sehr hilfreich war bei seinem späteren Werdegang in der DDR.
Adolf Bremer (*1903) wurde 1945 zum Landessekretär der wiederentstandenen Thüringer SPD. Vor dem Hintergrund der politischen Ereignisse floh er 1946 nach Westdeutschland. Er beteiligte sich hier an der Gründung einer der ersten Vertriebenenorganisationen und war in der hessischen Staatskanzlei tätig. Er war dann Ministerialbürodirektor beim Länderrat in Frankfurt. Später war er dort tätig für das Zentralsekretariat der IG Metall.
Natürlich muss darauf hingewiesen, dass viele sudetendeutsche Kommunisten, die oftmals ihren politischen Werdegang in der Sozialdemokratie begonnen hatten, nach Ostdeutschland kamen. Viele von ihnen sollten im Großen und im Kleinen Karriere machen. Ihre sudetendeutsche Identität durfte und sollte hierbei nie eine Rolle spielen.
Die Ausstellung „Stillgeschwiegen! - Die Vertriebenen in der SBZ und der DDR", die Ulrich Miksch beim Frühjahrsseminar 2024 vorstellte, trugt dazu bei, das Schicksal und die Leistungen der Vertriebenen in der SBZ und der DDR sichtbar zu machen. Thomas Oellermann ergänzte die damaligen Ausführungen mit dem Blick auf einzelne Sudetendeutsche Sozialdemokraten, die in der SBZ landeten.
Diese Ausgabe der Abendschule kann jederzeit als Podcast nachgehört werden.
Die Veranstaltung fand mit großzügiger Unterstützung des Bundesministeriums des Innern und für Heimat aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages statt.