Abendschule 13.10.2026

Veröffentlicht am 23.10.2026 in Allgemein

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Schicht in Aussig – eine Fabrik und ihre sozialdemokratischen Geschichten

Zum Abschluss von seliger-online am 13.10.2026 führte Thomas Oellermann in der Abendschule zur Geschichte der sudetendeutschen Sozialdemokratie noch einmal zurück nach Aussig. Im Mittelpunkt standen diesmal Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten, deren Lebenswege mit den Schicht-Werken in Schreckenstein verbunden waren.

Das passte unmittelbar zur Familiengeschichte von Paul Starzmann: Auch sein Urgroßvater Gustav Angelo Erhard hatte bei Schicht gearbeitet. Das Unternehmen gehörte zu den bedeutendsten Industriebetrieben Aussigs und produzierte unter anderem Seifen, Fette und Öle. Aus der 1882 errichteten Fabrik entwickelte sich ein international bedeutendes Unternehmen, das Ende der 1920er Jahre in den späteren Unilever-Konzern einging.

Doch Schicht war nicht nur Industriegeschichte. Wie Oellermann zeigte, war das Werk zugleich Arbeitsplatz zahlreicher Menschen aus der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung. Er erinnerte unter anderem an Karl Heller und Leopoldine Heller, die beide bei Schicht beschäftigt waren. Leopoldine Heller blieb später auch in der Bundesrepublik der Sozialdemokratie verbunden und wurde für ihre langjährige Parteizugehörigkeit ausgezeichnet. Ebenso nannte Oellermann den Gewerkschafter Rudolf Herget, der im zuständigen Fabrikarbeiterverband aktiv war.

Ein weiteres Beispiel war Franz Neumann, der nicht nur bei Schicht arbeitete und zur Aussiger Sozialdemokratie gehörte, sondern sich auch im Arbeiter-Turn- und Sportverband ATUS engagierte – unter anderem für das damals durchaus ungewöhnliche Faltbootfahren. Aussig war ohnehin ein bedeutendes Zentrum des sozialdemokratischen Arbeitersports; 1930 fand dort das große Bundesturnfest des ATUS statt.

Oellermann erinnerte außerdem an Johann Sippel, der nach dem Zweiten Weltkrieg nach Kanada auswanderte, sowie an Hermine und Henry Weissbach, deren Lebensweg in die Emigration führte. Gerade an solchen Biografien werde sichtbar, wie radikal das Jahr 1938 die bis dahin gewachsenen Lebenszusammenhänge zerstörte: Aus Kollegen, Gewerkschaftern und Sozialdemokraten wurden Flüchtlinge, Emigranten oder Vertriebene.

Eine besondere Verbindung ergab sich an diesem Abend zu Josef Ulrich, der an der Online-Veranstaltung teilnahm und aus einer alten Aussiger sozialdemokratischen Familie stammt. Auch Angehörige der Familie Ulrich hatten bei Schicht gearbeitet. Oellermann erinnerte zugleich daran, dass die Familie Ulrich mit der Geschichte der Staustufe in der Elbe verbunden ist und damit ein weiteres Stück Aussiger Sozialdemokratie bis heute sichtbar geblieben ist.

Dass der Name Schicht in Ústí nad Labem noch heute etwas auslöst, zeigte Oellermann mit einer persönlichen Erinnerung: Bei einem Rundgang mit einem Nachkommen der Familie Schicht durch das ehemalige Werksgelände schlossen sich spontan rund hundert Menschen an. Selbst ein Taxifahrer habe sofort reagiert, als ihm gesagt wurde, hinter ihm sitze „ein Schicht“. Der Name sei in der Stadt noch immer tief verankert.

Gerade deshalb ist auch der Umgang mit den baulichen Resten des Werksgeländes mehr als eine Frage alter Fabrikgebäude. Oellermann verwies auf den Einsatz des Historikers und heutigen tschechischen Senators Martin Krsek, der sich für den Erhalt dieses Teils der Aussiger Stadtgeschichte engagiert. Krsek leitet die historische Abteilung des Stadtmuseums Ústí nad Labem und vertritt die Region seit 2022 im tschechischen Senat.

So wurde aus einer kurzen „Abendschule“ am Ende noch einmal ein eigener Blick auf Aussig: Die Geschichte der Schicht-Werke ist auch ein Stück Geschichte der organisierten Arbeiterschaft und der sudetendeutschen Sozialdemokratie. Hinter dem großen Industrienamen stehen Menschen, deren Wege nach 1938 nach Deutschland, Kanada oder in die Emigration führten – und deren Geschichte es wert ist, wieder sichtbar gemacht zu werden.

 

Die Abendschule mit Thomas Oellermann zum Thema „Führende deutsche Sozialdemokraten aus Brünn“ kann jederzeit als Podcast nachgehört werden.

Die seliger-online-Veranstaltungen finden mit großzügiger Unterstützung des Bundesministeriums des Innern und für Heimat aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages statt.

 
 

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