Familie in großer Geschichte: Reitzner/Bodenbach

Veröffentlicht am 16.09.2025 in Allgemein

Die sozialdemokratische Familie Reitzner: Ein politisches Erbe über Generationen

Die Familie Reitzner, mit Adolf Reitzner als Stammvater, repräsentiert eine bemerkenswerte Linie sozialdemokratischen Engagements, das sich über Generationen erstreckte. Sie bietet einen aufschlussreichen Blick auf die Strukturen und das Wirken der Sozialdemokratie in Böhmen und prägte maßgeblich die Politik für Vertriebene in Deutschland.

Adolf Reitzner (1871-1932): Vom Porzellanmaler zum Parteifunktionär

Adolf Reitzner, geboren am 29. Mai 1871 in Aich/Doubí, war der Sohn des Tagarbeiters Johann Reitzner und Maria, geb. Krumholz. Nach seiner Ausbildung zum Porzellanmaler engagierte er sich früh in der Sozialdemokratie. Bereits 1896 wurde er Gewerkschaftsvertrauensmann in Aich. Ab 1900 prägte er die sozialdemokratische Bewegung in Bodenbach als Redakteur der Parteizeitungen „Volksrecht“ und „Nordböhmischer Volksbote“ sowie als Leiter der lokalen Parteiorganisation.

Seine politische Karriere gipfelte in seiner Wahl zum Mitglied des Abgeordnetenhauses des österreichischen Reichsrates von 1907 bis 1911. Adolf Reitzner war zudem von 1920 bis 1924 Bürgermeister von Bodenbach und später stellvertretender Bürgermeister sowie Vorsitzender der Bezirksverwaltungskommission. Er verstarb am 2. Juni 1932.

Richard Reitzner (1893–1962): Exil, Politik und das Engagement für Vertriebene

Sein Sohn, Richard Reitzner, geboren am 19. August 1893 in Einsiedel bei Marienbad, setzte das politische Erbe fort. Nach dem Besuch einer Lehrerbildungsanstalt arbeitete er zunächst als Lehrer und bildete sich nebenbei als Gasthörer an der Karls-Universität Prag fort. Sein Leben war geprägt von einer frühzeitigen politischen Aktivität und einem starken Engagement für soziale Gerechtigkeit.

Nach seiner Teilnahme am Ersten Weltkrieg trat er 1920 der Arbeiterbewegung bei und wurde Mitglied der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (DSAP). Bereits im Alter von 23 Jahren gehörte er dem Parteivorstand an, was seine frühreife politische Führungsrolle widerspiegelt. Angesichts der nationalsozialistischen Bedrohung emigrierte Richard Reitzner im Herbst 1938 mit seiner Familie nach Großbritannien. Dort führte er im Exil gemeinsam mit Wenzel Jaksch und Ernst Paul eine Emigrantengruppe und engagierte sich gegen die Vertreibungspläne der tschechischen Exilregierung und setzte sich für die Rechte der Vertriebenen ein. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland im Jahr 1946 wurde er stellvertretender Staatssekretär für das Flüchtlingswesen in Bayern. Von 1949 bis zu seinem Tod am 11. Mai 1962 in München/Haar war er Mitglied des Deutschen Bundestages und fungierte als Flüchtlingsexperte der SPD, wo er die bundesweite Vertriebenenpolitik maßgeblich mitgestaltete.

Richard Reitzner war zudem eine treibende Kraft bei der Gründung der ersten Zeitung für Vertriebene, „Die Brücke“, und übernahm 1951 bei Gründung den geschäftsführenden Vorsitz der Seliger-Gemeinde, der Nachfolge-Organisation der sudetendeutschen Sozialdemokratie, die sich der Belange der Sudetendeutschen annahm. Zur Ehrung seines Engagements wurde 1975 die Richard-Reitzner-Medaille ins Leben gerufen.

Almar Reitzner (1923–1988): Leben, Flucht und spätere Tätigkeit

Almar Reitzner, Enkel von Adolf Reitzner, geboren am 30.6.1923 in Bodenbach, hat die sozialdemokratische Tradition von Kindheit an kennengelernt und wuchs in ihr auf. Er lernte

in seiner Heimat Bodenbach bereits als Minderjähriger den Konflikt mit den nationalen und bürgerlichen Kreisen in aller Schärfe kennen. Der 17-jährige Almar floh mit seiner Familie vor den Nationalsozialisten nach London, wo er der Royal Air Force beitrat. Er brachte es als 21-Jähriger zum Captain und zu fünf Tapferkeitsauszeichnungen. Am 31. Juli 1945 kehrte er kurzzeitig ohne jede Erlaubnis in einer britischen Maschine nach Bodenbach zurück, um die Vertreibungssituation zu dokumentieren. Seine Eindrücke, schriftlich festgehalten, dienten bereits 1945 der Exilleitung der DSAP als wichtige Informationsquelle. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland arbeitete er als Pressechef der bayerischen SPD, wurde Vertriebenensprecher der bayrischen SPD sowie Vorsitzender des Landesvertriebenenbeirates der SPD in Bayern.  Weiter arbeitete er als Redakteur beim Bayerischen Rundfunk. Er war zudem stellvertretender Vorsitzender der Seliger-Gemeinde, Chefredakteur der Wochenschrift ,,Die Brücke“, bekleidete hohe Funktionen in der Sudetendeutschen Landsmannschaft und war SPD-Mitglied im Sudetendeutschen Rat.

Almar Reitzner starb am 2.11.1988 in München

Das Vermächtnis der Familie Reitzner

Das politische Wirken der Familie Reitzner unterstreicht die Bedeutung von familiären Netzwerken und generationsübergreifendem Engagement für die Entwicklung politischer Bewegungen und deren Einfluss auf gesellschaftliche Belange, insbesondere im Bereich der Vertriebenenpolitik. Richard Reitzner, Bundestagsabgeordneter von 1949 bis 1962 und Flüchtlingsexperte der SPD, trug maßgeblich zur Vertriebenenpolitik bei. Die in der Presse- und Parteiarbeit geschaffenen Kommunikationskanäle wurden zur Verbreitung von Vertriebenenrechten und Wiedergutmachung genutzt.

Das Familiennetzwerk Reitzner veranschaulicht, wie politische Überzeugungen, berufliche Rollen und generationsübergreifende Beziehungen die Sozialdemokratie prägten. Das fortgesetzte politische Engagement der Familie trug wesentlich zur Vertriebenenpolitik und zur institutionellen Vertretung der Vertriebenen in der Nachkriegszeit bei.

Für Richard und Almar Reitzner wurde die SPD zur neuen politischen Heimat und die Seliger-Gemeinde zum Kristallisationspunkt ihres Handelns.

 
 

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