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Auf den „Vorwärts“ folgte die „Freundschaft“
Mitteilungsblatt des Zentralverbandes Sudetendeutscher Organisationen in Kanada – viele Beiträge von Olga Sippl
Aus einem Nachlass hat die Seliger-Gemeinde-Geschäftsstelle 4 Exemplare der „Freundschaft“ bekommen: jeweils die Halbjahreshefte der Jahrgänge 2003 und 2004. Grund genug einen Blick auf die sudetendeutschen Sozialdemokraten in Kanada und ihre Organisationen zu werfen.
Bereits Ende 1941 entstand aus privaten Treffen der Sudetenklub „Hamilton“ als erster Verein der Sudetendeutschen in Kanada. Weitere Gründungen folgten nach Kriegsende: So wurden 1947 der Club in Tomslake und der Club „Vorwärts“ in Toronto gegründet, wo seit 1948 auch das gleichnamige Mitteilungsblatt der sudetendeutschen Sozialdemokraten in Kanada erschien, 1952 der Club in Montreal und 1957 jener in Edmonton. Die Klubs dienten der sozialen Vernetzung, dem kulturellen Austausch und der Pflege der sudetendeutschen sozialdemokratischen Traditionen. Seit 1957 gab es dann mit dem Zentralverband mit Sitz in Toronto (Henry Weisbach) und zwei Jahre später der Westkanadischen AG der Sudetendeutschen in Tomslake (Willi Wanka) auch überregionale Strukturen sudetendeutscher Organisationen in Kanada.
Die Treffen der 1950er- und 1960er-Jahre, um die es im Folgenden gehen wird, waren organisiert von der Weisbach-Fraktion und sind – wie auch die Exilzeitung „Vorwärts/Forward“ – Ausdruck ihrer Sicht auf die Geschichte und Gegenwart der sudetendeutschen Sozialdemokraten im Exil.
Die lokalen Clubs, von denen der in Toronto anscheinend der aktivste war, verstanden sich weniger als landsmannschaftliche Zusammenschlüsse denn als politische. Ihre dezidiert sozialdemokratische Ausrichtung wird deutlich an der Patenschaft der kanadischen sozialdemokratischen Partei CCF, ab 1961 dann NDP (New Democratic Party), für weitere sudetendeutsche Clubs sowie der Ausrichtung des „Vorwärts“ als sozialdemokratisches Blatt und Ersatz einer Parteizeitung. Neben einer klaren Parteilinie zeichnete den „Vorwärts“ eine integrative Haltung aus: Er berichtete für die Neukanadier über Kanada, brachte ihnen Land und Leute näher und hielt die verstreut lebenden „Sudetenkanadier“ natürlich auch übereinander auf dem Laufenden.
Nachdem die Gruppen immer kleiner und die Akteure immer weniger wurden, wurde ab 1994 die „Freundschaft"*, das Mitteilungsblatt des Zentralverbandes Sudetendeutscher Organisationen in Kanada, herausgegeben. Fred Kittel zeichnete dafür verantwortlich. Das Blatt diente weiterhin als wichtiges Bindeglied auch zu den Treuegemeinschaften in Schweden und England, musste aber um 2005 eingestellt werden.
Schon bei der Bundesversammlung 2003 berichtete Rolf Lorenz, der scheidende Präsident des Zentralverbandes Sudetendeutscher Organisationen in Kanada, letztmalig: Es finden noch immer Treffen der Mitglieder, allerdings keine Vorstandssitzung mehr statt, der Kontakt zu der westkanadischen Organisation wurde eingestellt. Rolf Lorenz starb 2004 mit 76 Jahren. Bei den Bundesversammlungen 2004 bis 2008 vertrat Erika Schmidt die Treuegemeinschaft und konnte doch nur von der fortschreitenden Auflösung der einzelnen Gruppen berichten. Ab 2006 existierte unter Frank Heil und Dr. Harald Schwarz nur mehr die Gruppe Edmonton, deren Mitglieder sich dreimal im Jahr traffen. 2009 berichtete Frank Heil schriftlich von einem Treffen in St. Walburg zum 70. Jahrestag der Ankunft der sudetendeutschen Emigranten. Erika Schmidt starb im Februar 2011 im Alter von 86 Jahren und die Kontakte brachen weitgehend ab.
Zur Geschichte: Etwas mehr als 1.000 sudetendeutsche Sozialdemokraten mit und ohne Familie* kamen bis Ende Sommer 1939 an der Ostküste Kanadas an. Sie wurden schwerpunktmäßig an zwei Orten im Westen Kanadas angesiedelt. Das Land für die Ansiedlung hatten die Siedlungsabteilungen der beiden großen kanadischen Eisenbahngesellschaften ausgewählt; es handelte sich dabei um verlassene Farmen bei St. Walburg in der Provinz Saskatchewan und um unbesiedeltes, teilweise sogar ungerodetes Land bei Tupper Creek in British Columbia.
Tupper Creek liegt im Peace River-District ca. 40 km südlich von Dawson Creek, das während des Krieges wegen des Baus des dort beginnenden Alaska Highways stark expandierte und in das anfangs auch einige Sudetendeutsche die Woche über zur Arbeit pendelten, während ihre Frauen die Farmen bewirtschafteten. British Columbia, ganz im Westen Kanadas am Pazifik gelegen und von Gebirgszügen und Wäldern geprägt, ist bis auf den Südwesten der Provinz um Vancouver noch heute nur sehr dünn besiedelt; Saskatchewan, die mittlere Prärieprovinz Kanadas, hat nicht einmal halb so viele Einwohner pro km².
Für den Großteil der nach Kanada gelangten sudetendeutschen Sozialdemokraten begann also aufgrund der Ansiedlung in der Abgeschiedenheit der kanadischen Wildnis eine harte und entbehrungsreiche Zeit. So begann bereits nach zwei Jahren eine allmähliche Abwanderung in die Städte, wo während des Krieges Arbeitskräfte in der Industrie gebraucht wurden. Trotzdem entstand mit Tomslake bei Tupper Creek in British Columbia eine eigenständige „Sudeten-Siedlung.
Sollte noch jemand weitere Ausgaben der „Freundschaft“ besitzen, würden wir uns über eine Kopie freuen!
* Die "Treugemeinschaft Sudetendeutscher Sozialdemokraten in England" gab seit Januar 1941 ein Mitteilungsblatt "Freundschaft" (Untertitel: Mitteilungen der Treugemeinschaft Sudetendeutscher Sozialdemokraten in England) heraus, das die bisherigen Rundschreiben ersetzen sollte. Die "Freundschaft" diente auch als Mitteilungsblatt für die "Reitzner-Gruppe“.
** 152 Familien (481 Pers.) und 37 unverheiratete Männer kamen nach Tupper Creek, B.C. und 150 Familien (489 Pers.) und 35 unverheiratete Männer nach St. Walburg, Sask., drei Familien (11 Pers.) nach Presscott, Ont., insgesamt also 1053 Pers.