seliger-online 15.04.2024 - Abendschule

Veröffentlicht am 21.04.2024 in Allgemein

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Fallschirmmission sudetendeutscher Sozialdemokraten von vor 80 Jahren

 

Für die tschechoslowakische Geschichte sind die geheimen Fallschirmmissionen im Zweiten Weltkrieg von großer Bedeutung. Kaum jemand aber weiß, dass es auch eine Fallschirmmission sudetendeutscher Sozialdemokraten gegeben hat. Diese historische Erzählung erinnert an die wehrhafte Sozialdemokratie in ihrem Kampf gegen den Nationalsozialismus. Die drei Fallschirmspringer, Otto Pichl, Ernst Hoffmann und Albert Exler landeten am 4. Mai 1944 nachts in ihrem Zielgebiet – doch die Mission scheiterte.

Die Geschichte dieser Mission reicht bis in die 1930er Jahre zurück, als die sudetendeutschen   Sozialdemokraten sich bewusst gegen die Nazis stellten und ihre Loyalität gegenüber der Tschechoslowakischen Republik demonstrierten. 1938 musste die Parteiführung fliehen und ins Exil.

Die Arbeit im Londoner Exil unter der Führung von Wenzel Jaksch, dem letzten Vorsitzenden der DSAP als Treuegemeinschaft der sudetendeutschen Sozialdemokraten, war geprägt von den sich ständig ändernden komplizierten Beziehungen mit der tschechoslowakischen Exilregierung unter der Leitung von Edvard Beneš. Jaksch geriet mehr und mehr in die Isolation und musste erleben, dass Exilregierung und Alliierte die Minderheitenfrage endgültig lösen wollten. Als Jaksch erkannte, dass es bei Kriegsende zu einer groß angelegten Vertreibung der Sudetendeutschen kommen würde, war er entschlossen, alles in seiner Macht stehende zu tun, um dies zu verhindern.

In einem Geheimdiensteinsatz sollten sich drei sudetendeutsche Sozialdemokraten mit dem Fallschirm über dem tschechoslowakischen Grenzgebiet absetzten, um ihren Beitrag zum Kampf gegen Nazideutschland zu leisten. Eines der Ziele der Mission war, mit führenden Persönlichkeiten im Sudetenland Kontakt aufzunehmen, um eine Front gegen die Nazis zu bilden und letztlich die Vertreibung zu verhindern. Auf der Liste standen der nationalkonservative Rudolf Lodgman von Auen sowie Leopold Pölzl in Aussig. Lodgman hatte sich inzwischen um die Aufnahme in die NSDAP bemüht und Pölzl seine Stellung verloren – er kam nur wenige Monate später zu Tode. Dass sich unter diesen Persönlichkeiten auch der NS-Verbrecher Hans Krebs befand, ist bezeichnend für die Verzweiflung, die in der Treuegemeinschaft herrschte. Weiter wollte man durch die Kontaktaufnahme mit den zu Hause gebliebenen Sozialdemokraten sehen, ob die alten Parteistrukturen, insbesondere die der Republikanischen Wehr, in der „Stunde Null“ wieder aktiviert werden könnten. Ziel war es, ein mögliches Chaos im Machtvakuum und vor allem Repressionen gegen die örtlichen Deutschen zu verhindern.

Diese Aufgabe der Fallschirmjäger mag auch erklären, warum Jaksch die Unterstützung der Briten für den Einsatz gewann. Sie waren an Informationen aus dem Sudetenland interessiert und auch bereit, Widerstandsaktionen im deutschen Einflussbereich zu unterstützen. So wurden die drei Fallschirmspringer vom britischen Geheimdienst ausgebildet und über Sizilien eingeflogen.

Neben Otto Pichl nahmen Ernst Hoffmann und Albert Exler an dieser Aktion teil. Die ersten beiden landeten bei Aussig/Ústí nad Labem, Exler bei Binsdorf/Bynovec nahe Tetschen- Bodenbach/Děčín. Ihre Aktion endete jedoch katastrophal.

Pichl wurde am 31. August 1944 in Aussig entdeckt und von der Gestapo eingekreist – er beging Selbstmord mit einer Giftkapsel. Ernst Hoffmann wurde verhaftet und von den Nazis als Verräter verurteilt und von der Gestapo erschossen. Albert Exler überlebte als einziger. Er konnte sich nach Wien durchschlagen und wurde von Erna Haberzettl über Monate hinweg versteckt. Als er schließlich im März 1945 doch entdeckt und verhaftet wurde, beging Haberzettl Selbstmord, um ihrer bevorstehenden Verhaftung und damit verbundener Folter zu entgehen. Exler selbst überlebte nur mit einer großen Portion Glück - weil aufgrund des herannahenden Kriegsendes sein Verfahren vor dem Reichsgericht nicht mehr durchgeführt werden konnte.  Er kam zurück nach London und ging nach dem Krieg 1947 nach Deutschland, wo er als Journalist und später als Redakteur des Pressezentrums der SPD in Bonn arbeitete. 

Albert Exler ist damit der letzte Zeitzeuge dieses missglückten Fallschirmeinsatzes, der ein wichtiger Mosaikstein in der tragischen Geschichte aller Sudetendeutschen ist, die sich dem Nationalsozialismus bewusst widersetzt haben. Umso wichtiger ist es, dass 80 Jahre nach dieser Mission, die ein großes Unterfangen war, Exlers Erinnerungen Das große Wagnis. Ein Rettungsversuch für die unfreie Heimat (1965) zum ersten Mal auch auf Tschechisch veröffentlicht werden.

Nachdem Tomaš Lindner in zwei Artikeln im Magazin RESPEKT über Ernst Hoffmann (Mission der sudetendeutschen Fallschirmjäger, Respekt 23/2022: Boden und Heimat unter mir, Respekt 51/2022) schrieb, wurden nun die Erinnerungen von Albert Exlern mit einem Vorwort von Ernst Paul aus dem deutschen Original von Zuzana Schwarzová übersetzt. Der Text wurde mit Genehmigung des Prager Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung als Beilage des Magazins LISTY 2/2024 diesen Monat veröffentlicht.

Thomas Oellermann

Diese Ausgabe der Abendschule kann jederzeit als Podcast nachgehört werden.

Die Veranstaltung fand mit großzügiger Unterstützung des Bundesministeriums des Innern und für Heimat aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages statt.

 
 

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