Weihnachten 1938

Veröffentlicht am 21.12.2023 in Allgemein

Stille Nacht im KZ

Der damalige Schutzhaft-Lagerführer im KZ Dachau, Alexander Piorkowski, verbot jede Form von Weihnachtsfeier in den Baracken. Der Häftling Alfred Berchtold, ein Priester, erteilt anderen Gefangenen dennoch heimlich den heiligen Segen.

Nach dem Münchener Abkommen vom 29. September 1938 und der Besetzung der tschechoslowakischen Grenzgebiete begann hier eine Terrorwelle vor allem gegen die sudetendeutschen Kommunisten und Sozialdemokraten. Die meisten Verhaftungen nahm das Sudetendeutsche Freikorps vor, das in die SS eingegliedert wurde. Politische Häftlinge aus den okkupierten Gebieten des Sudetenlandes in Polizeigefängnisse aber vor allem ins KZ Dachau verschleppt. Die SS führte im Lager ein striktes Regime durch. Kurz vor Weihnachten 1938 wurden viele Gefangene wieder entlassen, nachdem sie unterschreiben mussten, über das Leben im Lager Stillschweigen zu bewahren. Doch einige mussten bleiben und erlebten eine „Stille Nacht im KZ“.

Unter ihnen Adolf Hasenöhrl, der im Oktober 1938 in Langendorf (Dlouhá Loučka) in »Schutzhaft« genommen und im Konzentrationslager Dachau inhaftiert wird. Erst im März 1939 wird er aus der Haft entlassen, aber bis zu seiner Einberufung zur Kriegsmarine 1941 unter Polizeiaufsicht gestellt. Ebenso Roman Wirkner aus Gablonz, der erst nach sechs Jahren 1945 von den Amerikanern befreit wurde. Weitere Inhaftierte waren Alfred Pohl, Hans Winter, Richard Sommer, Josef Lihl, … Nicht wenige starben noch vor Weihnachten 1938: u.a. Josef Fischer aus Nürschan oder Franz Kauer aus Mies.

In den Tagen nach der Pogromnacht am 9. November erlebten Hasenöhrl, Wirkner und die anderen, wie mehr als 10.000 Juden in kürzester Zeit unter brutalen Bedingungen in das KZ Dachau gesperrt wurden. Die SS misshandelt und erpresst sie, um sie zur Aufgabe ihres Vermögens und zur Emigration zu zwingen. Nur wenige entkamen dem Holocaust.

Der Alltag im Lager war unmenschlich. Gefangene wurden gedemütigt und unterdrückt. Lagerkommandant war zu dieser Zeit Hans Loritz. Weihnachten 1938, zu dieser Zeit waren etwa 18.000 Gefangene im Lager, ließ dieser Kommandant auf dem Appellplatz des KZ Dachau unter einem eigens aufgestellten Christbaum stundenlang auf mehreren Prügelböcken zahllose Häftlinge unter den Augen aller zum Appell angetretenen Häftlinge fast zu Tode prügeln.

An Weihnachten wollen auch die SS-Leute im KZ Dachau zu ihren Familien. Deshalb halten sie den Nachmittagsappell schon früh am 24. Dezember 1938 ab und schicken die Häftlinge zu ihren Baracken. Unter ihnen ist der Priester Alfred Berchtold*. Anfang Oktober 1938 war er aus dem Gefängnis Salzburg ins KZ Dachau verlegt worden, in die Strafkompanie. Die Nationalsozialisten hatten ihn Ende März 1938 in der Steiermark verhaftet. Wegen seiner Tätigkeit in der katholischen Arbeiterbewegung stand der Kaplan der Gleichschaltung Österreichs im Weg.

Der 34-jährige Priester erlebt sein erstes Weihnachtsfest im KZ Dachau. Auf der kurzen, schmalen Blockstraße stehen viele Gruppen beisammen. Jeder hat seine Freunde aufgesucht, um ein wenig zu plaudern. Die sieben von der Wiener katholischen Jugend sind zu mir gekommen und haben mich um einige Worte zum Weihnachtsfest gebeten. In der hintersten Ecke der Blockstraße stehen wir beisammen, immer vorsichtig spähend, ob nicht einer der gefürchteten Spitzel sich heranschleicht. Religiöse Gespräche sind gefährlich, sie gelten als 'politisieren' und werden mit 25 Hieben und 42 Tagen Bunker bestraft.

Der Kaplan Berchtold findet damals auf der Blockstraße die passenden Worte für seine Kameraden: „Nicht Befreiung dürfen wir vom Friedenskönig der Weihnacht erwarten. Wir werden uns weiter dahinschleppen unter dem Kreuz des geschundenen, gequälten Häftlingslebens, vielleicht Jahre noch. Aber in unserer Brust will er ein stilles Flämmchen des Glücks entzünden." Heimlich gibt Berchtold den anderen den heiligen Segen. Nach der Beichte erteilt der Priester jedem einzelnen die Absolution.

Manche Häftlinge essen am Abend den gesamten Inhalt ihres Weihnachtspaketes von daheim auf, es ist oft viel zu viel für den ausgehungerten Magen. Alfred Berchtold und sein Freund Hans ziehen sich in den "hintersten Winkel der Baracke" zurück. Hans habe ein Tannenzweiglein hervorgeholt und ein kleines Kerzlein dazu, heißt es in Berchtolds Erinnerungsbericht. Der kontrollierende SS-Mann muss es übersehen haben. Und ganz heimlich zündet er das Kerzlein an. Eine stille Freude rieselt von diesem Kerzenschein in unsere Herzen. Und ganz von selbst summen ganz leise unsere Lippen das uralte, trauliche Weihnachtslied: Stille Nacht, heilige Nacht.

 

*Alfred Berchtold (1904-1985) überlebt die Konzentrationslager Dachau und Buchenwald. Er wird Ende April 1945 befreit und baut im oberbayerischen Kloster Reisach eine Bildungsstätte für Arbeitnehmer auf. Er stirbt Anfang 1985 in Bad Reichenhall, unweit seines Geburtsortes Bayerisch Gmain, im Alter von 80 Jahren.

Björn Mensing, Pfarrer der evangelischen Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau, hat die Geschichte des KZ-Überlebenden und Priesters Alfred Berchtold recherchiert. Die Zitate des Priesters hat er aus dessen undatierten Erinnerungsbericht "Weihnachten 1938" zusammengetragen, veröffentlicht im Sammelband von Eugen Weiler: "Die Geistlichen in Dachau sowie in anderen Konzentrationslagern und in Gefängnissen."

 
 

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