Weihnachtsgeschichte 2024

Veröffentlicht am 24.12.2024 in Allgemein

Auf der Titelseite der "Illustrated London News" erscheint am 9. Januar 1915 diese Zeichnung. Die britische Presse berichtete ausführlich über den Weihnachtsfrieden. Als Episode der Menschlichkeit gehört er bis heute zum kollektiven Gedächtnis der Engländer. © picture-alliance / Mary Evans Picture Library/ILLUS/

 

Eine stille Nacht, eine heilige Nacht

Das Weihnachts-Wunder von 1914

Zum Gedenken an 110 Jahre Kriegsbeginn haben wir als Seliger-Gemeinde die Broschüre NEUNZEHNVIERZEHN neu aufgelegt. Das Jahr 1914 wird in dieser Broschüre durch die Brille einer nicht unbedeutenden sozialdemokratischen Regionalzeitung der Habsburger Monarchie betrachtet, ausgewählt und konzentrierend wiedergegeben. Thomas Oellermann, den seine Dissertation auch zur Lektüre der „Freiheit“ führte, lässt dabei das Jahr, das später als Jahr des Kriegsbeginns in das historische Gedächtnis eingehen sollte, Revue passieren: der friedliche Anbeginn mit allen Problemen und Freuden der sozialdemokratischen Bewegung bis hin zur Zäsur des Kriegsausbruchs und den folgenden vielen Todesmeldungen gefallener Sozialdemokraten, die die Einschnitte ins alltägliche Leben aber auch die zunehmende Kriegszensur deutlich werden lassen.

Was passt da besser, als an das Weihnachts-Wunder von 1914 in unserer „Weihnachtsgeschichte 2024“ zu erinnern?!

Die wahre Geschichte vom Weihnachtsfrieden 1914 sollte eigentlich viel öfter erzählt werden. War es vielleicht die letzte Chance das Morden des Ersten Weltkriegs doch noch zu verhindern!? Kann es uns eine Lehre sein, militärische Konflikte mal aus der Perspektive der Soldaten im Feld und nicht aus Sicht der Generäle am grünen Tisch zu sehen!? Mitten in den Schrecken des Ersten Weltkriegs zeigte sich eine tiefe Sehnsucht der Menschen nach Frieden.

Bild und Textgrundlage hat die Autorin Antonia Fuchs auf Web.de – Geschichte veröffentlicht

Zum geschichtlichen Hintergrund:

Der Erste Weltkrieg tobt schon seit mehreren Monaten – zu seinem Beginn im August 1914 hatte man den Soldaten gesagt: "Zu Weihnachten seid ihr wieder zu Hause." Nun ist Dezember, kein Ende in Sicht, eine Million Menschen sind bereits gestorben. Soldaten liegen in Schützengräben einander gegenüber. Nach stärksten Regenfällen im Dezember sinken die Temperaturen an Heiligabend. Es ist eisiger Winter. Das schlammige Schlachtfeld verwandelt sich in eine von Raureif überdeckte Landschaft, die zur Kulisse für etwas Einzigartiges werden wird.

Der englische Historiker Malcolm Brown berichtet 1984 in seinem Buch "Christmas Truce" (Weihnachtsfrieden) als Erster systematisch über die, wie er schreibt, "beste und herzbewegendste Weihnachtsgeschichte unserer Zeit". Von einem "Weihnachtswunder" sprach der 2019 verstorbene deutsche Journalist Michael Jürgs. In seinem Buch "Der kleine Frieden im großen Krieg" trug er "die vielen kleinen Geschichten" zusammen, die es erzählen.

Dass es inmitten dieses Horrors massenweise zu Verbrüderungen zwischen Männern kommt, die eigentlich Feinde sind, zu Menschlichkeit, wo Hass auf allen Seiten propagiert wird, ist unglaublich.

Fernab der Heimat lesen die Soldaten an Heiligabend 1914 die Weihnachtsbriefe ihrer Liebsten. Die Gräben der Feinde sind mit etwa 100 Metern, manchmal sogar weniger, ungewöhnlich nah. Wo gerade noch um jeden Meter Boden gekämpft wird, bricht spontan Frieden aus, teilweise einfach auf Zuruf ("Wir schießen nicht, ihr schießt nicht!") oder durch den Austausch von Zetteln und - das ist das Ungewöhnliche - gegen den offiziellen Befehl.

Wie konnte es sein, dass Soldaten inmitten dieser "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts", wie der Erste Weltkrieg genannt wird, von einer "wundervollen, wenn auch etwas kalten Nacht" berichten? Von einem sehr lustigen Tag ("a very funny day"), von der "schönsten Weihnachtsfeier, die ich je erlebte", von drei Tagen, die "ich nicht für irgendetwas anderes missen möchte"?

Die Deutschen, so wird erzählt, begannen, die Weihnachtsbäume – Tausende waren ins Hinterland der deutschen Stellungen geliefert worden - auf die Befestigungen zu setzen.

Dazu die Kraft der Musik. Die Gegner nehmen es zunächst ungläubig wahr: Dort schimmern Kerzen, es ist windstill, der Raureif glänzt im Mondlicht und aus Hunderten Kehlen erklingen Weihnachtslieder. Es kommt friedliche Stimmung auf, auf beiden Seiten. Sehnsucht, Wehmut – sang man diese Lieder doch sonst im Geborgenen, mit der Familie.

Oft macht dann einer den Anfang und klettert aus dem Graben. Oder es ist eine kleine Gruppe, die unbewaffnet auf die anderen zugeht, eigentlich Wahnsinn. "Das Niemandsland wird zum Jedermannsland", wie Jürgs schreibt: "Sie treffen sich mit Gegnern, die sie vor zwei Tagen auf Sicht sofort erschossen hätten, auf diesen gottverlassenen Totenäckern."

Die jungen Männer finden sofort Wege, sich zu verständigen, gemeinsame Themen gibt es genug: Sie kämpfen ja nicht nur gegeneinander, sondern mit ständiger Todesangst. Mit den katastrophalen hygienischen Zuständen, dem metertiefen Schlamm, schweren Krankheiten, Läusen, Ratten, permanentem Gestank, Schlafmangel.

Sie alle hassen den Krieg. Sie schütteln einander die Hände, tauschen Adressen aus und Ratschläge – etwa zur Bekämpfung der Läuse – sowie Knöpfe und Abzeichen. Zigaretten oder Käse gegen Pudding oder einfach als Geschenk. Manche knipsen Fotos (s. Galerie unten). Ein Brite schildert in seinem Brief, wie die Deutschen zwei große Fässer Bier herüberrollen. Sie erzählen sich Witze und lachen. Man teilt seinen Kummer.

Ein britischer Offizier verspricht einem Deutschen, einen Brief an seine Liebste in Suffolk zu übermitteln. Ein deutscher Offizier bittet einen britischen Kaplan, der Frau eines schottischen Soldaten mitzuteilen, wie ihr Mann gestorben sei: Er habe im Todeskampf versucht, seine Brusttasche zu öffnen. Der Gegner half ihm und fand das Foto einer jungen Frau. "Ich hielt es ihm vor Augen", erzählt er und der Kaplan schreibt es Wort für Wort in sein Notizbuch, "und so blieb er liegen, den Blick auf sie gerichtet, bis er nach ein paar Minuten starb".

"Stille Nacht" und die gemeinsame Fußball-Leidenschaft

Man einigt sich auf inoffizielle Waffenstillstände, um die qualvoll im Niemandsland verendeten Kameraden endlich bestatten zu können. Dieser Wunsch eint sie alle, denn die Toten liegen dort zum Teil seit Wochen. Wer sie barg, machte sich zur Zielscheibe für den Feind - an normalen Tagen.

Nun helfen sie einander sogar dabei, die Kameraden zu begraben. Es kommt – für Brown das eigentliche Wunder - zu gemeinsamen Gedenkfeiern und Gebeten. Der berühmte Psalm 23 ("Der Herr ist mein Hirte") erklingt in verschiedenen Sprachen.

Tausende Briefe und Tagebucheinträge von der Front erzählen laut Jürgs davon. Hier schreibt ein Brite seiner Frau, wie es nach den zugerufenen Wünschen in der Heiligen Nacht zu den Begegnungen mit dem Feind kam: "Einige Deutsche hätten auf Instrumenten Lieder gespielt - 'God save the King' und 'Home Sweet Home'. Ihr könnt euch unsere Gefühle vorstellen. Später am Tag kamen sie auf uns zu und unsere Jungs gingen ihnen entgegen. Natürlich hatte keiner von uns ein Gewehr. Ich schüttelte einigen von ihnen die Hand und sie gaben uns Zigaretten und Zigarren. Wir haben an diesem Tag nicht geschossen und alles war so ruhig, es schien wie ein Traum. Wir nutzten den ruhigen Tag und brachten unsere Toten herein."

Hätte es solche Szenen vereinzelt gegeben, wäre das schon erstaunlich. Doch es passiert massenweise, laut Brown mindestens an etwa zwei Dritteln der britischen Frontlinie, vor allem in Flandern. Offiziere, die den Krieg ebenfalls satthaben, sehen weg oder schließen sich sogar an. Meistens gehen die Waffenstillstände von den deutschen Soldaten aus. Auch mit Franzosen und Belgiern kommt es zu Verbrüderungen, aber zögerlicher.

„ Stille Nacht“ habe er hier zum ersten Mal gehört, , schreibt der britische Schütze Graham Williams in seinen Memoiren. Das Lied sei in seiner Heimat überhaupt erst nach diesem Ereignis bekannt geworden. Die Hymne dieser Tage soll vor allem "O Come All Ye Faithful" („Adeste fideles“) gewesen sein. Auch "O Tannenbaum" und "Auld Lang Syne" werden vielfach erwähnt.

"Es war ein feierlicher Abend, den wohl keiner in seinem Leben je vergessen wird", schreibt ein 17-jähriger Deutscher kurz darauf. Viele berichten, wie anrührend es war, obwohl gleichzeitig so verrückt. "Weil die Wirklichkeit wahnsinnig ist, finden Briten, Franzosen, Deutsche, Belgier an Weihnachten wahnsinnig anmutende Alternativen. Auch das ist eine Ursache für das Wunder, das so erklärt kein Wunder ist, sondern eine natürliche, gesunde Reaktion auf den Schrecken. Sie schaffen sich Frieden und heilen sich dadurch vorübergehend selbst. Laut singend, laut feiernd", fasst Jürgs zusammen.

Dass es auch zu einem richtigen Fußballmatch kommt (die Briten berichten bald darauf in den Medien darüber - sie nennen sogar das Ergebnis: 3:2 für Deutschland), fällt wohl in den Bereich der Legenden. Dennoch ist die Rolle des Fußballs bei diesem Wunder - der amerikanische Historiker Stanley Weintraub nennt ihn die "Religion der Arbeiterklasse" - nicht zu unterschätzen. Es ist belegt, dass Hunderte Männer an den Weihnachtstagen zwischen den Fronten kicken.

"Hätte man 10.000 Fußbälle an der gesamten Front verteilt und alle gegeneinander spielen lassen", schreibt später ein französischer Soldat, "wäre das nicht eine glückliche Lösung gewesen? Krieg ohne Blutvergießen?"

Wie es danach weiterging

Die Soldaten wollen nach diesem kleinen Frieden erst recht nicht weiterkämpfen. Doch er dauert in den meisten Fällen nur einige Tage oder Wochen. Es wäre kein weiterer Schuss gefallen, sagt später der Schotte Murdoch McKenzie Wood, ehemaliger Major, in einer Rede im Parlament, "falls wir uns selbst überlassen worden wären".

Oder wie der britische Berufssoldat Harold Stein, der den Weihnachtsfrieden selbst miterlebte, mehr als 50 Jahre später in einem Beitrag für seine Heimatzeitung schrieb: Es sei einer jener seltenen Momente gewesen, in denen man erleben durfte, dass die "Bruderschaft der Menschen" stärker war als Hass und Feindschaft.

Mancherorts war vorher schon klar vereinbart worden, wie lange der inoffizielle Waffenstillstand dauern sollte. Andernorts kommt der scharfe Befehl, unter Androhung höchster Strafen, wieder zu schießen. Manche verweigern dennoch und müssen in den Gräben durch andere Männer ersetzt werden. Auch gibt es Belege von Warnungen der Deutschen an alliierte Soldaten: "Liebe Kameraden, ich muss euch davon informieren, dass es uns ab sofort verboten ist, uns mit euch draußen zu treffen. Aber wir werden stets eure Kameraden bleiben. Falls wir gezwungen werden sollten zu schießen, dann werden wir immer zu hoch schießen."

Hochrangige Offiziere versuchen damals alles, die Verbrüderungen dieser Nacht nirgends zu dokumentieren. In den Eintragungen der Infanterieregimenter werden die Geschehnisse oft totgeschwiegen oder heruntergespielt. Vor allem Deutsche und Franzosen reden sie damals klein, die Zensur schlägt zu, während die britische Presse begeistert reihenweise Soldatenbriefe und Fotos abdruckt. Bis heute ist der Weihnachtsfrieden von 1914 dort viel bekannter als in Deutschland.

Was außer vielen Briefen bleibt

Heute könnte man fragen: Was hat dieses Weihnachtswunder gebracht? Am Heiligen Abend im Jahr darauf soll es Versuche gegeben haben, ihn zu wiederholen, doch die meisten wurden im Keim erstickt. Der kleine Frieden sollte sich so nicht wiederholen. Manche Historiker wie Weintraub meinen, später im Krieg hätte er womöglich zu einem dauerhaften Frieden führen können. Doch der Schrecken, das massenweise Sterben gehen noch jahrelang weiter. Zwischen neun und zehn Millionen Soldaten sterben bis Ende dieses Krieges im November 1918, der nur 21 Jahre später den Zweiten Weltkrieg nach sich ziehen wird.

 
 

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