75 Jahre Seliger-Gemeinde - Sommerempfang in Prag

Veröffentlicht am 25.08.2026 in Allgemein

75 Jahre Seliger-Gemeinde – mit Freunden in Prag

Sommerempfang im ehemaligen SOPADE-Haus eröffnet die Studienreise der Seliger-Gemeinde

Mit einem Sommerempfang an einem geschichtsträchtigen Ort begann am 20. August die Studienreise 2026 der Seliger-Gemeinde nach Prag und in das Riesengebirge. Rund um das 75-jährige Bestehen der Gemeinschaft sollte dabei nicht nur zurückgeblickt werden. Im Mittelpunkt stand vielmehr die Frage, was aus der gemeinsamen Geschichte für die deutsch-tschechischen Beziehungen der Gegenwart und Zukunft erwächst.

Als Veranstaltungsort hatte die Seliger-Gemeinde bewusst das ehemalige SOPADE-Haus in Prag-Karlín gewählt. Das Gebäude in der Křižíkova, heute Heimat der Pizzeria „Cihelna La Famiglia“, war während des nationalsozialistischen Exils ein wichtiger Ort der deutschen Sozialdemokratie in Prag. Damit verband der Empfang gleich zu Beginn der Reise historische Erinnerung mit der heutigen grenzüberschreitenden Arbeit der Seliger-Gemeinde.

Rita Hagl-Kehl, ehemalige Bundestagsabgeordnete und Mitglied des Präsidiums der Seliger-Gemeinde, begrüßte die Gäste und erinnerte an den besonderen Anlass des Jahres: 75 Jahre Seliger-Gemeinde. Zugleich machte die Gästeliste deutlich, wie weit das Netzwerk reicht, das in den vergangenen Jahrzehnten entstanden ist.

Unter den Gästen waren unter anderem der Wenzel-Jaksch-Preisträger Petr Brod, Petr Kalousek von Meeting Brno, das 2026 mit dem Wenzel-Jaksch-Preis ausgezeichnet wurde, Jörg Nürnberger, Vorsitzender des Deutsch-Tschechischen Gesprächsforums, sowie Patrik Eichler, Geschäftsführer der Demokratischen Masaryk-Akademie. Das tschechische Außenministerium war durch Lydie Holinková aus der Abteilung für regionale Zusammenarbeit vertreten.

Mit dabei waren außerdem der frühere Europaabgeordnete und Vizepräsident des Europäischen Parlaments Libor Rouček, heute Sprecher der tschechischen Regionalgruppe der Seliger-Gemeinde, der frühere bayerische Landtagsvizepräsident Franz Maget, Thomas Oellermann und Ulrich Miksch aus dem Präsidium der Seliger-Gemeinde sowie Herbert Schmid, Vorsitzender des Landesverbandes Bayern.

Auch Vertreter der deutschen Minderheit und der sudetendeutschen Heimatpflege nahmen teil, darunter Wigbert Baumann, Vorsitzender des Heimatkreises Trautenau, und Richard Šulko, Vorsitzender des Bundes der Deutschen in Böhmen. Till Janzer von Radio Prag begleitete den Empfang journalistisch.

Gäste aus Schottland

Einen besonderen Akzent setzte die Teilnahme der Familie Mykura/Paterson aus Schottland. Ihre Suche nach den eigenen familiären Wurzeln führt unmittelbar in jene deutsch-böhmische Geschichte, mit der sich die Seliger-Gemeinde seit Jahrzehnten beschäftigt. Dass heute Kinder, Enkel und Urenkel erneut nach den Lebenswegen ihrer Familien fragen und dabei den Kontakt nach Böhmen und Tschechien suchen, verlieh dem Jubiläum eine zusätzliche, sehr persönliche Dimension.

Hagl-Kehl dankte ausdrücklich dem Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds und der Sudetendeutschen Stiftung, deren Förderung den Empfang und die Studienreise unterstützte.

Solidarität als Grundlage Europas

In seinem Grußwort stellte Libor Rouček den Gedanken der Solidarität in den Mittelpunkt. Für ihn gehört sie zu den Grundwerten, auf denen sowohl die sozialdemokratische Bewegung als auch das europäische Einigungsprojekt beruhen. Gerade die Geschichte der sudetendeutschen Sozialdemokraten zeige, welche Bedeutung internationale Solidarität in Zeiten von Diktatur, Verfolgung und Exil gewinnen könne.

Dass aus einer solchen Geschichte heute Partnerschaft entstanden ist, wurde auch im Grußwort von Patrik Eichler deutlich. Der Geschäftsführer der Demokratischen Masaryk-Akademie verwies auf die inzwischen enge und selbstverständliche Zusammenarbeit mit der Seliger-Gemeinde. Sie verbindet historische Aufarbeitung mit aktuellen politischen und gesellschaftlichen Fragen und bringt dabei Menschen aus Deutschland und Tschechien immer wieder miteinander ins Gespräch.

Lydie Holinková erinnerte an die langjährige Begleitung der Arbeit der Seliger-Gemeinde durch Vertreter der Tschechischen Republik. Diese Beziehungen reichen viele Jahre zurück und wurden immer wieder auch durch besondere Gesten sichtbar – etwa durch die Ehrung von Olga Sippl mit der Karl-Kramář-Medaille durch den sozialdemokratischen Ministerpräsident Bohuslav Sobotka. Holinková überbrachte zugleich Grüße aus dem diplomatischen Umfeld der Tschechischen Republik.

Ein Haus mit sozialdemokratischer Geschichte

Dass der Jubiläumsempfang gerade an diesem Ort stattfand, griff Ulrich Miksch in seinem Beitrag auf. Das ehemalige SOPADE-Haus steht für eine Zeit, in der Prag zu einem Zentrum der aus Deutschland vertriebenen Sozialdemokratie wurde. Zugleich bestanden hier enge Verbindungen zu den deutschen Sozialdemokraten der Tschechoslowakei und zur DSAP.

Damit, so Miksch, passe der Ort in besonderer Weise zum 75-jährigen Jubiläum der Seliger-Gemeinde. Denn deren Geschichte sei zwar ohne die Erfahrungen von Nationalsozialismus, Exil, Vertreibung und Neubeginn nicht zu verstehen. Entscheidend sei aber, was daraus entstanden ist. 75 Jahre Seliger-Gemeinde bedeuteten deshalb weniger einen Blick zurück als einen Blick auf die Aufgaben der Gegenwart.

Daran knüpfte Thomas Oellermann an. Er fragte, was sich aus 75 Jahren Seliger-Gemeinde für die heutigen deutsch-tschechischen Beziehungen lernen lässt. Die Geschichte der Gemeinschaft zeigt dabei einen bemerkenswerten Wandel: Aus Menschen, die nach Krieg und Vertreibung ihre Heimat verloren hatten, entstand eine Organisation, die zunehmend selbst Brücken in die frühere Heimat schlug. Aus zunächst vorsichtiger Annäherung wurden Kontakte, aus Kontakten Partnerschaften und aus Partnerschaften Freundschaften.

Genau das war an diesem Abend in Prag zu erleben.

Der Sommerempfang war damit weit mehr als der gesellschaftliche Auftakt einer Studienreise. An einem Ort, der einst für Exil und politische Verfolgung stand, feierte die Seliger-Gemeinde ihr 75-jähriges Bestehen gemeinsam mit tschechischen und deutschen Freunden. Die Geschichte war dabei überall präsent – aber nicht als Last, sondern als Auftrag.

 
 

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