seliger-online 27.05.2024

Veröffentlicht am 01.06.2024 in Allgemein

EM 2024. Fußball in Böhmen in Vergangenheit und Gegenwart

Gespräch zur Fußball-Europameisterschaft 2024 mit dem Historiker Dr. Filip Bláha

Zum ersten Mal nach 1988 wird Deutschland wieder Gastgeber der Fußball-Europameisterschaft sein. Die schönste Nebensache ist eigentlich eine Hauptsache, denn in ihr spiegeln sich viele politische und gesellschaftliche Themen unserer Zeit. Das war in der Vergangenheit nicht anders als heute. Und auch in deutsch-tschechischen Fußballbeziehungen stecken viele interessante historische und gegenwärtige Themen.

Was sind die Grundzüge der deutsch-tschechischen Fußballgeschichte? Was tut sich heute im tschechischen Fußball? Welche Aussichten haben Deutschland und Tschechien bei der EM? - Diese Fragen diskutierten wir mit dem tschechischen Historiker und Blogger Filip Bláha. Das Gespräch moderierte Bundesvorsitzende Helena Päßler. Nach dem Thema „Arbeiterfußball“ beim Frühjahrsseminar und der Podiumsdiskussion beim Sudetendeutschen Tag war dies nun der 3. Akt unseres Dreiklangs zur EM. Nicht zu vergessen, die neue Ausgabe der Schriftenreihe der Seliger-Gemeinde zum “Arbeiterfußball in den Böhmischen Ländern”.

Bundesvorsitzende Helena Päßler begrüßte die Teilnehmer und den Gesprächsgast mit dem Verweiß auf den Sieg der tschechischen Eishockey-Nationalmannschaft, die nach 14 Jahren wieder den WM-Titel und noch dazu im eigenen Land erringen konnte. Dies löste Freudenfeste im ganzen Land aus und die Frage, was den wichtiger wäre in Tschechien Eishockey oder Fußball, müsse z.Z. eindeutig mit Eishockey beantwortet werden, so Päßler.

Filip Bláha bedankte sich für die Einladung und bestätigte, dass Tschechien jetzt dem Eishockey verfallen sei. Die Eishockey-Nation spräche, angelehnt an den Olympiasieg 1989 in Nagano, bereits begeistert von “Pragano”. Der Sieg ließe die Menschen die Sorgen des Alltags vergessen und er wünsche Deutschland einenn vergleichbaren Sieg bei der anstehenden Fußball-EM, womit man beim Thema angekommen wäre: der Geschichte des Fußballs in den Böhmischen Ländern.

Revolution Fußball

Der modern Fußball in Böhmen glich einer Revolution, so Bláha, vergleichbar mit der Eisenbahn oder dem Automobil. Der Sport wurde zur Volksunterhaltung, zuert im bürgerlichen Lager, später auch bei den Arbeitern. Treibende Kraft waren jeweils die Deutschen in den Böhmischen Ländern. Erstmals rannten um 1900 erwachsene Männer in kurzen Hosen einem Ball hinterher. Die ersten Vereine in Tschechien waren zwar Slavia und Sparta in Prag, doch diese waren allgemeine Sportvereine. Der erste reine Fußballklub war der 1896 gegründete 1. Deutsche Fußballclub in Prag (DFC), der hier wegweisend war, da er international aufgestellt war und auch so agierte.

Die Vorkriegszeit war geprägt von Spielen mit ausländischen Vereinen, der Dominanz Prags und seiner unmittelbaren Umgebung sowie der Verbreitung des Fußballs in den größeren Städten der Böhmischen Länder. In Prag gab es wegen der nationalen und ökonomischen Streitigkeiten vor dem 1. Weltkrieg kein tschechisch-deutsches Derby.

Zwischenkriegszeit

Nach dem Ersten Weltkrieg, so um die Mitte der 1920er Jahre, hatte sich der Fußball stabilisiert und wieder an Fahrt gewonnen. Im Jahr 1922 wurde der Tschechoslowakische Fußballverband gegründet, der die Fußballverbände der verschiedenen Nationen in der Tschechoslowakei vertrat. Der Fußball wuchs, wurde kommerzialisiert und professionalisiert. Das Profitum war in der Tschechoslowakei seit 1925 erlaubt. Anfang der 1930er-Jahren entstand eine nationale Profiliga. Neben den Prager Eliteklubs Sparta und Slavia gehörten die Wiener Vereine Rapid, Austria und Admira, die Budapester Vereine Ferencváros und Újpestí zur europäischen Elite. Die Vereine im Deutschen Reich agierten zu dieser Zeit sehr amateurhaft – was auch der NS-Ideologie unterstützt wurde.

Der vom österreichischen Verbandskapitän Hugo Meisl 1927 initiierte Mitropacup (Vorlage des Europapokals)  wurde vor allem durch die österreichischen, ungarischen, tschechoslowakischen und italienischen Teams dominiert, die alle Finals für sich entscheiden konnten. Auch die tschechoslowakische Nationalmannschaft war erfolgreich und gewann bei der Weltmeisterschaft 1934 in Italien die Silbermedaille. Dies nutzte der italienische Diktator und Fußball-Freund Benito Mussolini für seine Zwecke. Gleiches versuchte Adolf Hitler bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin, doch Deutschland schied vorzeitig aus.

Fußballliga im KZ Theresienstadt

Dr. Filip Bláha verwies in seinem Beitrag auf die absurde Ghettoliga Theresienstadt. Hier gab es zwischen 1943 und 1944 eine erste und zweite Liga sowie Pokalwettbewerbe. Bláha erinnerte an die damaligen Spitzenfußballer wie Egon Reach, Ignaz „Nati“ Fischer, den tschechische Nationalspieler Paul Mahrer oder den Torwart Jiří Taussig-Tesář, die in Theresienstadt einsaßen.

Der tschechische Fußball nahm nach dem 2. Weltkrieg erneut eine historische Wende, so Bláha. Der Fußball wurde im Kommunismus nach sowjetischem Vorbild umorganisiert und die Mannschaften entweder Industriebetrieben, der Armee oder anderen politischen Organisationen unterstellt. Erst Ende der 1950er Jahren konnte sich der tschechoslowakische Fußball wieder erholen und wurde 1962 Vizeweltmeister in Chile. “Die Leute liebten den Fußball. Er war eine apolitische Alternative und wurde von den Machthabern als Aushängeschild geduldet”, so Bláha.

Nach der Wende und dem Fall des Eisernen Vorhangs wurde der Fußball in den 1990ern der Marktwirtschaft geopfert. Korruption, Betrug und politische Einflußnahme beherrschten laut Filip Bláha den Sport. Trotzdem konnte der tschechische Fußball Erfolge verzeichnen, so Bláha weiter. Seit 1993 war man bei jeder EM dabei und wurde 1996 und 2000 sogar jeweils Zweiter. Einen Rückschlag gab es 2006, als man bei der WM bereits in der Gruppenphase ausschied. Getragen wurde diese Erfolgsphase durch Spieler die in Deutschland oder England spielten. Herauszuheben wäre hier Tomáš Rosický bei Borussia Dortmund (BVB).

Fußball als Spiegelbild der Gesellschaft

Helena Päßler legte das weitere Augenmerk auf die Hooligan-Szene und wollte wissen, ob es auch in Tschechien brutale und diskriminierende Ausschreitungen gibt. Bláha bestätigte, dass die Fan-Szene in Tschechien keine Ausnahme bildete. “Der Fußball ist auch hier ein Spiegelbild der Gesellschaft. Prügelnde Fans und offener Rassismus görten eben auch dazu. Der Fußball erfahre in Tschechien gerade einen Aufschwung, so Bláha weiter. Die Leute wollen sich amisieren, den Alltag vergessen. Sie suchten Zusammenhalt nach der Individualisierung der Pandemie.

Zu diesem Thema gab es auch in der Diskuzssion einige Beiträge. So wollte Thomas Oellermann wissen, ob es auch Bestrebungen von Vereinen und Fangruppen gebe, die Ausschreitungen einzudämmen, wie in Deutschland, wo viel Geld dazu aufgewendet werde. Bláha erklärte dazu, dass das Fanmileau in Tschechien die Ausschreitungen nicht reflektiere. Fast neidisch habe er die inhaltlich klugen Fanproteste gegen die Investorenpolitik beobachtet. In Tchechien gebe es keine vergleichbare Fan-Identität. Die Vereine hätten auch ihre Geschichte nicht aufgearbeitet. In Tschechien beharre man darauf, der Sport sei apolitisch, was aber nicht zutreffe, allein die lange Liste der antisemitischen Vorfälle zwischen Sparta und Slavia würden dies bestätigen.

Karin Hagendorn erinnerte in diesem Zusammenhang an ein Ausstellungsprojekt des FC Bayern zur Verfolgung deren jüdischer Mitglieder. Bláha stellte in diesem Zusammenhang den DFC Prag erneut in den Fokus: Anders als andere Clubs, die Fußball lediglich als Unterhaltung ohne Geschichte betrachteten, den Verein nur als Reihe erfolgreicher Spiele wahrnähmen, würden die Verantwortlichen beim DFC, allen voran Thomas Oellermann, beispielhaft agieren und Mut machen.

Thema Frauenfußball

Schließlich wurde von Helena Päßler noch des Thema Frauenfußball in den deutsch-tschechischen Kontext gestellt.  Bláha erklärte, der Frauenfußball habe in Tschechien seit 1960 eine lange Tradition. Seit 1966 gäbe es bereits einen Pokalwettbewerb der Frauenmannschaften, der von der Zeitschrift “Junge Welt” ausgelobt werde. Gegründet wurden die Frauschaften in Arbeiterkollektiven und Schulen. Heute müsse mehr allgemeine Förderung und Professionalität insbesondere in der Vermarktung eingegracht werden, so Bláha.

Endspiel Deutschland vs. Tschechien?

Die abschließende Frage nach dem EM-Endspiel konnte leider nicht mehr geklärt warden, da die Internetverbindung mit Filip Bláha plötzlich abbrach.

 

In der anschließenden Abendschule zu den Grundlagen der Geschichte der sudetendeutschen Sozialdemokratie erinnerte Dr. Thomas Oellermann an die „Geschichte des sudetendeutschen Arbeiterfußballs“.

Diese seliger-online-Veranstaltung wird als Video auf unserem YOUTUBE-Kanal zur Verfügung gestellt. Auch die anschließende Abendschule kann jederzeit als Podcast nachgehört werden.

Die Veranstaltung fand mit großzügiger Unterstützung des Bundesministeriums des Innern und für Heimat aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages statt.

 
 

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