Sudetendeutscher Tag 2026

Veröffentlicht am 02.06.2026 in Allgemein

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Diskutierten über Widerspenstigkeit und Renitenz: v.l. Autor Paul Starzmann, Moderator Ulrich Miksch, SPD-Bayern-Vorsitzende Ronja Enders, MDB Ruppert Starzmann und Präsidiumsmitglied Thomas Oellermann

 

„Mut zum Unmut“: Warum Demokratie Widerspruch braucht

Buchvorstellung und Diskussion – 3. Veranstaltungspunkt der Seliger-Gemeinde

Demokratie lebt nicht allein vom Konsens. Sie braucht Menschen, die widersprechen, unbequem sind und sich dem Anpassungsdruck widersetzen. Diese These vertraten der Journalist Paul Starzmann und der SPD-Bundestagsabgeordnete Ruppert Stüwe bei einer Diskussion im Rahmen des Sudetendeutschen Tages in Brünn. Anlass war die Vorstellung des Buches „Mut zum Unmut“, das Starzmann gemeinsam mit dem Journalisten Matthias Meisner veröffentlicht hat.

Moderiert wurde die Veranstaltung von dem Journalisten Ulrich Miksch. Präsidiumsmitglied Thomas Oellermann konnte eine Reihe interessierter Zuhörerinnen und Zuhörer begrüßen. Ein Grußwort sprach die Vorsitzende der BayernSPD, Ronja Endres. Bereits zu Beginn wurde deutlich, dass es nicht um nostalgische Rückblicke, sondern um die Zukunft Europas gehen sollte. Die Erinnerung an Flucht, Vertreibung und Exil sei kein Selbstzweck, sondern Grundlage für Demokratie, Freiheit und Verständigung in der Gegenwart.

Paul Starzmann, Journalist und ehemaliger Mitarbeiter des SPD-Parteiorgans Vorwärts sowie der Friedrich-Ebert-Stiftung, zeigte sich sichtlich bewegt darüber, erstmals beim Sudetendeutschen Tag über die Geschichte seiner eigenen Familie sprechen zu können. Seine familiären Wurzeln liegen in Aussig an der Elbe (Ústí nad Labem). Besonders die Geschichte seines Großvaters beschäftigt ihn bis heute. Dieser war in Aussig geboren worden, sprach durch den damaligen tschechisch-deutschen Kinderaustausch akzentfrei Tschechisch und blieb dennoch zeitlebens von Ressentiments gegenüber Tschechen geprägt. Nach der Vertreibung fand er in der Sudetendeutschen Landsmannschaft eine neue politische Heimat und provozierte regelmäßig seinen sozialdemokratischen Schwiegersohn.

Die Auseinandersetzung mit Widerspruch und politischer Eigenständigkeit hat in Paul Starzmanns Familie auch eine persönliche Dimension. Sein Vater Gustav Starzmann (1944–2023) gehörte mehr als zwanzig Jahre dem Bayerischen Landtag für die SPD an und war dort vor allem als Agrarpolitiker bekannt. Zugleich galt er als eigenwilliger Kopf, der parteiinterne Konflikte nicht scheute und sich immer wieder kritisch mit Entwicklungen innerhalb der eigenen Partei auseinandersetzte. Neben seiner politischen Arbeit war er auch als Künstler und Autor tätig. Dass Demokratie vom Mitdenken, Widersprechen und gelegentlich auch vom Unbequemsein lebt, war damit nicht nur Thema des Buches, sondern prägte auch das politische Umfeld, in dem Paul Starzmann aufwuchs.

Erst durch Recherchen in Aussig begann Starzmann, die Widersprüche dieser Familiengeschichte aufzuarbeiten. Während sein Großvater innerhalb der Familie als überzeugter Rechtsaußen galt, erinnerten sich Zeitzeugen in Tschechien an ihn als versöhnlichen Menschen, der sich in den 1990er Jahren öffentlich gegen eine Kollektivschuld ausgesprochen hatte. Die Ermordung seines eigenen Vaters auf der Elbebrücke in den letzten Kriegstagen habe der Großvater jedoch nie überwunden. Diese Erfahrungen wurden für Starzmann zum Ausgangspunkt einer persönlichen Spurensuche zwischen Erinnerung, Vertreibung und Versöhnung.

Das Buch selbst versteht sich als „Anleitung zur politischen Widerspenstigkeit“. Auf dem Cover prangt bewusst eine Meckerziege. Starzmann und Meisner rehabilitieren darin den oft negativ besetzten Begriff des Quertreibers und zeigen anhand zahlreicher historischer und aktueller Beispiele, warum Demokratien Menschen brauchen, die Missstände benennen und Mehrheiten herausfordern. Zu den porträtierten Persönlichkeiten gehören linke Aktivisten ebenso wie Menschen, die sich jenseits klassischer politischer Lager gegen Ungerechtigkeiten engagieren.

Besonders eindrucksvoll schilderte Starzmann die Geschichte eines Mannes aus Tansania, der jahrzehntelang für die Rückgabe menschlicher Überreste aus deutschen Sammlungen kämpfte. Die sogenannten „Schädelsammlungen“ waren während der Kolonialzeit für rassistische Forschungen angelegt worden. Lange stießen solche Forderungen in Deutschland auf Ablehnung oder Desinteresse. Erst allmählich habe ein Umdenken eingesetzt – etwa im Humboldt Forum oder bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Für Starzmann zeigt dieser Fall exemplarisch, wie beharrliche Renitenz politische und gesellschaftliche Veränderungen anstoßen kann.

Einen ganz praktischen Blick auf politischen Widerspruch brachte Ruppert Stüwe (*1978) in die Diskussion ein. Der Berliner SPD-Bundestagsabgeordnete studierte unter anderem in Passau und Brünn und ist heute stellvertretender Vorsitzender der deutsch-tschechischen Parlamentariergruppe. Bekannt wurde er auch dadurch, dass er 2022 gegen das Sondervermögen für die Bundeswehr stimmte und damit von der Mehrheitslinie seiner Fraktion abwich. Politik, so Stüwe, lebe zwar von Mehrheiten, doch am Ende müsse das eigene Gewissen entscheidend bleiben. Gerade in der SPD werde Solidarität häufig eingefordert, wenn innerparteiliche Kritik unerwünscht sei.

Immer wieder schlug die Diskussion Brücken zur Geschichte der sudetendeutschen Sozialdemokratie. Viele ihrer Vertreter hätten bereits in den 1930er Jahren für Demokratie, Verständigung und ein friedliches Europa gekämpft, seien dafür ins Exil gegangen oder in Konzentrationslagern verfolgt worden. Gerade diese Tradition einer demokratischen, europäischen und antifaschistischen Haltung passe zu dem Gedanken der „Renitenz“, den das Buch stark macht.

In der anschließenden Debatte wurde auch die Rolle des Sudetendeutschen Tages selbst diskutiert. Starzmann bezeichnete ihn als eine Art „renitente Veranstaltung“ gegen das gesellschaftliche Vergessen. Zugleich lobte er die klare Abgrenzung der Sudetendeutschen Landsmannschaft gegenüber rechtsextremen Positionen. Die „Brandmauer nach rechts“ halte, sagte er ausdrücklich.

Dabei scheute Starzmann auch nicht den Bezug zu aktuellen politischen Debatten. Mit Blick auf den Friedensmarsch und dem Redebeitrag des deutschen Innenministers zum Thema Flucht und Vertreibung kritisierte er, dass historische Erfahrungen oft beschworen würden, ohne die Konsequenzen für gegenwärtiges Handeln zu ziehen. Wer die Geschichte von Flucht und Vertreibung ernst nehme, müsse auch sensibel für das Schicksal heutiger Geflüchteter sein. Es sei widersprüchlich, an das Leid Vertriebener zu erinnern und gleichzeitig zu forcieren, dass Menschen auf der Flucht mit europäischen Geldern an den Außengrenzen der EU abgewehrt und in die Wüste zurückgeschickt würden. Gerade Menschen mit eigener oder familiärer Fluchterfahrung müssten hier aufschreien, betonte er.

Am Ende stand die Erkenntnis, dass Erinnerung und Widerspruch eng miteinander verbunden sind. Wer Demokratie erhalten wolle, müsse bereit sein, Fragen zu stellen, Konflikte auszuhalten und auch gegen Mehrheiten Position zu beziehen. Genau darin liege der eigentliche „Mut zum Unmut“.

 
 

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